Sorge für das gemeinsame Haus: Die Rolle von Religionsgemeinschaften für die Sustainable Development Goals

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Welche Rolle können religiöse Gemeinschaften und ihre Organisationen für das Erreichen der nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) spielen? Diese Frage stand im Zentrum des KAAD-Seminars, das vom 13. bis 16. März 2017 in Bonn stattfand. 28 Teilnehmende aus 17 Ländern bereicherten im lebhaften Austausch mit den Referenten das Seminar durch unzählige Erfahrungen aus ihren Heimatländern.

Der Eröffnungsvortrag von Prof. Dr. Andreas Lienkamp, Universität Osnabrück, buchstabierte aus, wie zentrale Grundprinzipien der katholischen Soziallehre – Menschenwürde, Solidarität mit den Armen und die Bewahrung der Schöpfung – auch in interreligiösen Dokumenten wie der Weltethos-Erklärung von 1993 Widerhall gefunden haben. Am Beispiel der päpstlichen Enzyklika Laudato sí arbeitete er heraus, dass der besondere Beitrag der Religionsgemeinschaften darin liege, die ökologischen (“Schrei der Erde”) und sozialen Krisensymptome unserer Welt (“Schrei der Armen”) mit einer ganzheitlichen globalen Langzeitperspektive in den Blick zu nehmen.

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Was dies praktisch bedeuten kann, wurde bei der Exkursion der Seminargruppe zum UN-Klimasekretariat im Bonner Regierungsviertel deutlich. Im Blick auf SDG 13 („Climate Action“) und die Weltklimakonferenz in Paris (COP 21) betonte UNFCCC-Mitarbeiter Alexander Saier: „Faith-based organizations haben im Vorfeld hervorragende Arbeit geleistet. So war das Wunder möglich, wider alle Erwartungen ein so ehrgeiziges Abkommen hinzubekommen.” Aber auch andere Entwicklungssektoren wurden beim Seminar intensiv thematisiert. In Subsahara-Afrika etwa werden schätzungsweise 50% der sozialen Grunddienste von religiösen Akteuren erbracht. Sie setzen ihre spezifischen ethischen, spirituellen, materiellen und organisatorischen Ressourcen ein, um Armut (SDG1) und Hunger (SDG 2) besiegen zu helfen. Auch in puncto Gesundheitsversorgung (SDG 3), Bildungs- (SDG 4) und Teilhabechancen (SDG 5 und 10) leisten sie einen immensen Beitrag. Angesichts der globalen Dimension der Herausforderungen sei es besonders förderlich, wenn Religionsgemeinschaften in ihrem Entwicklungsengagement auf die interkulturelle und interreligiöse Expertise von Mitgliedern zurückgreifen könnten, machte Migrationsforscher Dr. Sascha Krannich in seinem Abendvortrag deutlich.

Kontrovers diskutiert wurde die Rolle von Glaubensgemeinschaften für das Erreichen des Entwicklungsziels 16 (“Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen”). Es ist unübersehbar, dass die Macht der Religion stets auch dazu missbraucht werden kann, ihre Anhänger für Gewalt zu mobilisieren. Die KAAD-Stipendiaten/innen diskutierten aber vor allem das Friedens- und Versöhnungspotential, das Religionen innewohnt. Dr. Markus Weingardt von der Stiftung Weltethos stellte hierfür ermutigende Beispiele aus Mosambik, Kambodscha, von den Philippinen und Ruanda vor.

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Angesichts der komparativen Vorteile religiöse Akteure, wenn es um Zugang, moralische Autorität und Glaubwürdigkeit geht, werden faith-based organizations zu zunehmend wichtigen Partnern staatlicher Entwicklungszusammenarbeit, wie die neue Sektor-Policy des BMZ zu Werten und Religion in der deutschen EZ deutlich macht. Im Austausch mit Michael Kronenberg, der bis 2016 beim Evangelischen Entwicklungsdienst Brot für die Welt als Programmkoordinator für die staatlich geförderten EZE-Projekte zuständig war, wurde intensiv über die Kriterien der Zusammenarbeit zwischen Staat und Religionsgemeinschaften diskutiert.

Um die Sustainable Development Goals zu erreichen, so die Seminarteilnehmer/innen abschließend, genüge es aber nicht, nur über mehr Geld zu reden. Die Kirchen des globalen Nordens hätten auch eine große Verantwortung, lautstark die Stimme für nachhaltige Konsum- und Produktionsweisen und faire Welthandelsbedingungen zu erheben.