KAAD-Asien-Seminar Versicherungs-systeme: Sozialer und kultureller Hintergrund

Gruppenfoto 2Mit dem Thema „Versicherungs“-systeme: Sozialer und kultureller Hintergrund beschäftigten sich vom 27. bis 30. März 2017 22 Stipendiatinnen und Stipendiaten aus 14 Ländern bei dem kontinentalspezifischen Asien-Seminar im Haus Venusberg in Bonn.

Prof. Christoph AntweilerDer Vortrag des Bonner Ethnologen und Südostasienwissenschaftlers Christoph Antweiler verdeutlichte gleich zu Beginn des Asien-Seminars, dass Menschen auf sehr unterschiedliche Weise ihre existentiellen Grundrisiken absichern. Worauf beruht das Versicherungsprinzip in Südostasien? Am Beispiel der indonesischen Sparklubs legte Antweiler dar, dass das Prinzip Versicherung nicht allein einer wirtschaftlichen Logik gehorcht. Im Falle Indonesiens beruht es auf autochthonen Solidarmechanismen, die in der örtlichen Kultur bekannt und oft über Generationen fundiert sind. Indem ganz viele Personen (die Versicherungsnehmer) einen bestimmten Geldbetrag in einen Geldtopf (Versicherer) einbezahlen, um beim Eintreten eines Versicherungsfalles aus diesen Geldern einen Schadensausgleich zu erhalten, stellt sich ein Gruppenbildungsprozess ein. Sparklubs sind weltweit verbreitet, aber regional sehr unterschiedlich stark. In der Karibik und Lateinamerika finden sich nur wenige solcher Systeme, besonders stark sind sie dagegen in West- und Zentralafrika, wo sie auf eine lange Tradition aufbauen. Am markantesten sind die indonesischen Sparklubs. Um der gängigen Idealisierung der „traditionellen Solidarität“ vorzubeugen, merkte Antweiler aber auch an, dass trotz der Gemeinschaftsorientierung in ihnen das ökonomische Gewinnstreben einzelner keine rein moderne und städtische Erscheinung ist.

Prof. Heinrich R. Schradin 2Gesetzliche oder private Krankenversicherung, Privathaftpflichtversicherung, private Altersvorsorge, Berufsunfähigkeitsversicherung, Rechtsschutzversicherung, KFZ-Haftpflicht, Unfallversicherung, Hausratversicherung, Brillen-, Handyversicherung: Der in Köln lehrende Versicherungsexperte Heinrich R. Schradin (im Bild rechts) half mit seinen medial bestens unterlegten Ausführungen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Seminars dabei, Orientierung zu finden auf dem für sie unübersichtlichen und oftmals auch völlig unbekannten Feld. Er legte die Unterscheidung nahe zwischen a) Versicherungen, die man haben muss beziehungsweise haben sollte, b) Versicherungen, über die man nachdenken kann und c) solchen, die völlig überflüssig sind. Im Laufe der Ausführungen Schradins wurde allen klar, dass Versicherungssysteme, ganz gleich welche kulturelle Ausprägung sie auch aufweisen mögen, aus Grundhaltungen leben, die nicht ökonomischer, sondern sozialer Natur sind. Die Begriffe von Vertrauen und Solidarität wurden immer wieder genannt, und zwar im Kontext von Haushaltsökonomie.

Renée Rentke, Misereor, MitteDen Bogen zwischen den beiden Vorträgen von Antweiler und Schradin spannte die Referentin für die Entwicklungszusammenarbeit mit China, der Mongolei und Nordkorea bei Misereor, Renée Rentke (im Bild Mitte). Mit ihrem Überblick über die Maßnahmen der chinesischen Regierung zur Etablierung eines Versicherungssystems im ländlichen Raum verdeutlichte sie, dass dem Versicherungsgedanken nicht nur lebensphilosophische Überlegungen vorausgehen. Vielmehr geht es bei der Frage nach den „Versicherungs“-systemen um die Frage nach sozialer Gerechtigkeit und um den Gedanken einer Gesellschaft, in der eine neoliberale Wirtschaftspolitik nicht auf Kosten der Sozialpolitik betrieben wird. Im Rahmen eines Ausflugs konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich zweierlei Tatsachen „versichern“: Zum einen beim Blick vom Dach des Hotels des WCCB, dass Bonn eine lebenswerte, grüne Stadt ist, und zum anderen in der Ausstellung New Originals im Kunstmuseum Bonn, dass Bilder erst im Auge des Betrachters ihre eigentliche Wirkung entfalten.