KAAD-Jahresakademie 2017 Scientific Community: Interdisziplinäre Forschung für Frieden, Entwicklung und Bewahrung der Schöpfung

Diese 31. Jahresakademie vom 27. bis 30. April 2017 führte in Bonn 244 Stipendiaten/innen und 69 Gäste aus 53 Ländern zusammen zu einem interkulturellen, interreligiösen und interdisziplinären Dialog, der sich eingedenk methodisch-rationaler, pluraler Wissenschaftlichkeit zugleich „transwissenschaftlich“ auf die drängenden globalen Krisen öffnen sollte. Zum sechsten Male wurde auch der Preis der KAAD-Stiftung im Rahmen einer musikalischen Soirée vergeben.

Forumgruppe webDie enge Zusammenarbeit der Wissenschaften im Horizont der Idee einer weltweiten Scientific community ist als gemeinsames Ringen um Wahrheit in einem öffentlichen Meinungs- und Gefühlsklima, in dem angesichts politischer Irrationalismen Fakten genauso wie methodisch und längerfristig zu sichernde Erkenntnisse indifferent zu werden drohen, ein entscheidender, auch friedensfördernder Faktor. Bei immer komplexeren und global verdichteteren Herausforderungen wird somit interdisziplinäres, fächerübergreifendes und „integratives“ Forschen, trotz der verschiedenen „Wissenschaftskulturen“ und des schwierigen Wegs einer Zusammenführung von Methoden und (Fach-) Sprachen, zu einer Notwendigkeit.

Dieser Horizont der Einheit der Wissenschaften, den interdisziplinäres Forschen voraussetzt und schafft, sollte dabei von ethischen Leitbildern geprägt sein und den kulturell-religiösen Grund der Wissenschaft im Blick behalten. Aus einer solchen Weite des Themenansatzes heraus konnte auf unserer Akademie auch die Frage nach einer „Leit- oder Meta-Wissenschaft“ als Suche nach kritischer Distanz zu „System-zwängen“ diskutiert werden, in denen sich Wissenschaften angesichts national, kulturell, vor allem aber ökonomisch („marktkonform“) vorgegebener „Paradigmen“ leicht verengen können. Die gegenseitige Angewiesenheit der Wissenschaften aufeinander setzt aber auch eine Fähigkeit zur jeweiligen Selbstrelativierung voraus, was in historischer Perspektive alles andere als selbstverständlich ist, wie die Tagung zeigte.

Disk. ES und Wie web

Prof. Dr. Joachim Wiemeyer und Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff

Der Festvortrag des neuen KAAD-Präsidenten Eberhard Schockenhoff (Freiburg) thematisierte die Leistungen und Herausforderungen interdisziplinärer Forschung angesichts des neuen friedensethischen Paradigmas eines „gerechten Friedens“ (in Zeiten einer möglichen Renaissance von Theorien eines „gerechten Krieges“). Solche Forschung ziele auf die drei unabdingbaren „Säulen“ des Friedensaufbaus: Demokratieförderung, Entwicklungszusammenarbeit und Ausbau supranationaler Organisationen.  Schockenhoff würdigte auch den Beitrag der Wissenschaften zum Entwurf einer „ganzheitlichen Ökologie“, wie ihn die Enzyklika „Laudato si‘“ von Papst Franziskus vorlegt.

Podium und Plenum webDie Foren (vgl. zu Titeln und Referenten/innen das Programm) entfalteten das Spektrum interdisziplinärer Forschung an den „Gegenständen“ Frieden, Wasser, Gesundheit bzw. brain/mind und Religion. Die Podiumsdiskussion mit Forenvertretern lotete zusammenfassend die Praxis der Interdisziplinarität am Beispiel konkreter Forschungsprojekte bzw. universitärer Studiengänge aus diesem Spektrum aus und fragte nach Schwierigkeiten und Chancen sowie nach der jeweils orientierenden und moderierenden Perspektive.

Die Jahresakademie hat in diesem Resonanzraum den eigenen interdisziplinären Reichtum des KAAD „zum Klingen“ gebracht.
Die übergreifenden und für eine global ausgerichtete (Entwicklungs-) Politik besonders relevanten Fragestellungen der Akademie werden ja in unseren „Fachgruppen“ von den Stipendiaten/innen z. T. bereits seit Jahren bearbeitet. Diese trafen sich am 30. April im Anschluss auch zu ihren jeweiligen internen Diskussionen.

Die wichtigsten Thesenpapiere und Präsentationen der Foren sowie der Festvortrag werden auf unserer Homepage dokumentiert (Publikationen).

Preise, Abschiede, Musik und Liturgie: Die Jahresakademie als Fest

Zeitz WB web

Weihbischof Wilfried Theising und Prof. (em.) Dr. Michael Zeitz

In einer festlichen Soirée am Freitagabend würdigte der Bischöfliche Beauftragte für den KAAD, Weihbischof Wilfried Theising (Vechta), den im vergangenen Herbst ausgeschiedenen Präsidenten Prof. (em.) Dr. Albert Franz (Dresden), der aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen konnte. Er schilderte sein Engagement für den KAAD, seit er 2001 Vertrauensdozent wurde. In seiner fünfjährigen Amtszeit als Präsident sei ihm besonders wichtig gewesen, dass der KAAD attraktiv für junge Studierende und Wissenschaftler bleiben und seine Leitideen vertiefen sollte. Theising überreichte dann den langjährigen Mitgliedern des Akademischen Ausschusses, Prof. (em.) Dr. Michael Zeitz (Stuttgart) und Dr. Karl Weber (vormals Misereor, jetzt Geschäftsführer der AKSB), die Verdienstmedaille „Bene merenti“ des KAAD.

Freudenthals Kr web

Dr. Franz Peter Freudenthal, Dr. Thomas Krüggeler, Dr. Alexandra Freudenthal

Der diesjährige (6.) Preis der „KAAD-Stiftung Peter Hünermann“ ging an den international renommierten Kinderkardiologen Dr. Franz Peter Freudenthal aus Bolivien (unser Stipendiat 1993-96), der mit seiner Ehefrau an der Jahresakademie teilnahm. In seiner Laudatio würdigte der Referatsleiter Lateinamerika, Dr. Thomas Krüggeler, u. a., dass Freudenthals Erfindungen von Herzimplantaten für Kinder Tausenden kleiner Patienten das Leben gerettet hätten. Freudenthal richtete an die Stipendiaten/innen aus aller Welt einen leidenschaftlichen Appell, ihre Potenziale im Dienst ihrer Länder bald und voll einzusetzen.

Moderatoren Folk web

Francisca Odero und Nikoloz Tokhvadze

Die Jahresakademie war wieder von einer hohen Partizipation der Stipendiaten/innen auf allen Ebenen geprägt. Die Internationale musikalische Soirée und die liturgischen Teile waren von (Musik-) Stipendiaten/innen vorbereitet worden. Der internationale Folkloreabend zeigte erneut, wie sehr die Jahresakademie ein „work in progress“ ist: erst an den Tagen der Akademie selbst gestalten sich Moderation (s. Bild links) und Präsentationen der fünf Kontinentalgruppen mit hohem kreativen und schauspielerischem Potenzial.

Zelebranten GD webIn einer Begegnung im Gebet wurden Gebete und Lesungen aus den großen Weltreligionen gesprochen, die auch den Schöpfungsgedanken vertieften (vgl. Ansprache P. Engel). Im Festgottesdienst erinnerte Weihbischof Wilfried Theising an die Vita der Tagesheiligen Katharina von Siena, die aus gläubigem Vertrauen ihre eigenen Kräfte zu großen Wirkungen entfalten konnte, und zog eine Parallele zum diesjährigen Preisträger und zu den Projekten der Stipendiaten und Alumni, deren Verbundenheit als Symbol der Menschheitsfamilie in der Feier der Eucharistie sichtbar werde. Es konzelebrierten auch der Vorstandsvorsitzende Prälat Dr. Klaus Krämer und einige Stipendiaten des Albertus Magnus Programms.