KAAD visits West Kalimantan 2017 – Auslandsseminar in Pontianak/Indonesien

Auf Indonesiens Straßen springt einem die Dominanz der Jugend ins Auge. Die Mehrheit der Indonesier ist unter 30 Jahre alt. Es ist viel von der demografischen Dividende die Rede, die aber nur dann zum Tragen kommen kann, wenn soziale Mobilität jenseits der Grenzen von Religion, Geschlecht und Ethnizität gewährleistet ist. Die Grenzen sind aber im konservativen und muslimischen Indonesien noch hoch. Zu der neueren Entwicklung gehört der Slogan, dass es für Muslime Pflicht sei, muslimische Kandidaten zu wählen. Religionszugehörigkeit und ethnische Kategorien spielen eine wachsende Rolle. Gemäß der Verfassung von 1945 ist Indonesien ein säkularer Staat, in dem sechs Religionen zugelassen sind. Im Prinzip sind diese gleichberechtigt. Allerdings sieht die Realität anders aus. Dass Indonesien als muslimischer Staat wahrgenommen wird, hat zum einen mit der Dominanz der Muslime zu tun, die 87 Prozent der Bevölkerung stellen, also 220 Millionen zählen. Zum anderen beeinflusst aber auch der wachsende Einfluss dogmatischer Kleriker und die religiöse Durchdringung von Staat und Gesellschaft das Bild des Landes.

Ein herzliches Willkommen an den KAADRoll upFür den toleranten und verantwortlichen Teil der indonesischen Gesellschaft spricht, dass der KAAD in Kooperation mit der Stiftung Yayasan Merangat, dessen Direktor der KAAD-Alumnus und Peter Hünermann-Preisträger Stephanus Mulyadi ist, mit der katholischen Vereinigung ehemaliger Studierender in Deutschland Kontak, der Bezirksregierung West Borneo/Kalimantan und auch einem Förderer aus dem Bereich der Industrie, der Schiffswerft „Steadfest Marine“, ein Seminar zum genannten Problembereich der Qualifizierung der indonesischen Jugend durchführen konnte. Unter dem Titel „KAAD visits West Kalimantan 2017. Driving Sustainable Economic Development in West Kalimantan through Technical & Vocational Education and Training” wurde vom 07. bis 11. Juni 2017 im Gouverneurspalast, vor ca. 400 Teilnehmenden thematisiert, dass das Land unter einer schwachen Infrastruktur leidet, aber dennoch einen weitgehend stabilen Staat darstellt. Wie kam es dazu? Was hält dieses Gebilde zusammen? Welche Rolle spielen Intellektuelle und Künstler? Und welches Gewicht haben heute religiöse Fanatiker im Land mit der größten muslimischen Bevölkerung?

Information DayInformation Day 2Diese Fragen wurden am ersten Tag des Seminars ausgehend von den beiden Eröffnungsvorträgen (Dr. Heinrich Geiger und Gouverneur Cornelis MH), einem Vortrag, der der Migrationsfrage galt (Dr. Sascha Krannich) und in einem nachmittäglichen Panel, das sich aus einer Reihe ehemaliger KAAD-Stipendiatinnen und Stipendiaten (u.a. Dr. Liona Supriatna, Prof. Dr. Hora Tjitra, Prof. Dr. Antonius Wibowo) zusammensetzte, aufgeworfen und intensiv im Kontext der alles leitenden Frage nach einer besseren Bildung und Ausbildung der indonesischen Jugend diskutiert. Am zweiten Tag ging es dann um Deutschland als Studienland für ausländische Studierende und den KAAD. Referenten waren wiederum Dr. Heinrich Geiger und Dr. Sascha Krannich. Ihre Ausführungen wurden in einer nachmittäglichen Runde komplettiert, in der sich KAAD-Alumni zusammenfanden und mit ihren eigenen Erfahrungen auf die Fragen der Studierenden und verschiedener Amtsträger eingingen.

Vor der Eröffnung In der Mitte Bischof Agustinus Agus, PR

Bischof Agustinus Agus, PR (Mitte)

Das große öffentliche Interesse an der Veranstaltung spiegelte sich in der Anwesenheit des Gouverneurs und des Bischofs wider. Es zeigte sich aber auch in der vielfältigen Unterstützung, die sie durch die verschiedensten lokalen Behörden erfuhr. Beim anschließenden Exkursionsprogramm wurde auch deutlich, dass die christlichen Kirchen in Indonesien als Volks- oder Stammeskirchen gegründet worden waren. Ein großer Teil der traditionellen Bräuche drang auch in das kirchliche Leben ein. Am Beispiel der Dayak-Kultur, die das Leben auf Kalimantan prägt, konnten sich die aus Jakarta Angereisten von dieser Tatsache überzeugen. Für sie, aber auch für die aus Deutschland angereisten Teilnehmenden des Seminars, wurde Kalimantan geradezu zu einer elementaren Erfahrung, die zum einen verdeutlichte, wie bunt und plural eine multiethnische Gesellschaft sein kann. Erfahren wurde auch, was Gastfreundschaft in einer sehr stark traditionell geprägten Gesellschaft bedeutet. Und last but not least sorgten die aus Jakarta und aus Bandung angereisten Musikerinnen und Sängerinnen Agnes Hapsari und Renata dafür, dass die anwesende Jugend Indonesiens das Geheimnis der Unbeschwertheit für sich wieder neu entdecken konnte.