KAAD-Auslandsakademie im Libanon: Friedensfördernde Kraft von Religion stärken

OLYMPUS DIGITAL CAMERAReligion braucht Räume der Selbstreflexion, um ihre friedensfördernde Kraft zu entfalten – so das Fazit der diesjährigen Auslandsakademie des Katholischen Akademischen Ausländer-Dienstes (KAAD) im Libanon. Die Akademieveranstaltung unter dem Titel „Religion, Konflikt, Konflikttransformation“ fand vom 7.-10. Juni an der Beiruter Jesuitenhochschule Université Saint-Joseph (USJ) statt. Sie brachte 54 Stipendiaten/innen, Alumni und Vertreter/innen von Partneruniversitäten des KAAD und Gäste in Beirut zusammen.

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Dr. Christina Pfestroff (KAAD), Prof. Dr. Dirk Ansorge (PTH St. Georgen), Evgeni Goshev und Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff (KAAD)

„Diese Auslandsakademie war ein echtes Novum“, erläuterte KAAD-Präsident Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff (Universität Freiburg) in seiner Eröffnungsansprache: „Erstmals in der Geschichte des KAAD konnten wir Stipendiaten/innen, die an Hochschulen im Nahen Osten studieren, zu einer Auslandsakademie willkommen heißen.“ Schockenhoff dankte den engagierten KAAD-Partnern vor Ort, Prof. Dr. Souad Slim und P. Dr. Jules Boutros, für die tatkräftige Mitwirkung beim Ausbau des KAAD-Programms im Libanon und der Vorbereitung der Auslandsakademie.
Seit Sommer 2015 hat der KAAD 36 Studierenden aus Syrien, dem Irak, dem Libanon und Jordanien die Möglichkeit eröffnet, an einer nahöstlichen Hochschule zu studieren. Ziel des Drittlandstipendienprogramms ist es, im Libanon und Jordanien ein Netzwerk aus Geflüchteten und lokalen Sektorexperten/innen aufzubauen, die gemeinsam an Lösungen für die zentralen Entwicklungsprobleme der Region arbeiten. Das Projekt verdankt sich der finanziellen Unterstützung der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), der Katholischen Zentralstelle für Entwicklungshilfe (KZE) bzw. des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).

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Prof. Dr. Dirk Ansorge

Das Thema der diesjährigen KAAD-Auslandsakademie war von den Studierenden und Alumni im Libanon selbst gewählt worden. Sie sehen im konfessions- und religionsübergreifenden Austausch über die Versöhnungspotenziale von Religion einen wichtigen Kontrapunkt gegen die dominante Wahrnehmung, dass Religion im Nahen Osten ausschließlich als politischer Konfliktfaktor eine Rolle spielt.
Im Eröffnungsvortrag zeichnete Prof. Dr. Dirk Ansorge von der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen – ausgehend von den Thesen von Girard und Assmann – prägnant die Hauptlinien der aktuellen Debatte um die Ambivalenz von Religion nach. Die Friedensfähigkeit von Religion, so sein Resümee, lasse sich an drei Dimensionen festmachen: Die Anerkennung von Differenz, die Fähigkeit zur kritischen Reflexion und eine mitfühlende Haltung gegenüber den Opfern von Gewalt.

P. Prof. Dr. Gaby Hachem (USEK) , Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff (KAAD), P. Prof. Fadi Daou (USEK)

Im Hauptvortrag des Nachmittags unterstrich der Rektor der USJ, P. Prof. Dr. Salim Daccache SJ, die Bedeutung der Gewissens- und Religionsfreiheit für den sozialen Zusammenhalt multireligiöser Gesellschaften: „Diversität als solche muss nicht notwendig etwas Trennendes sein.“ Bildungsstudien im Libanon zeigten, dass viele gesellschaftliche, moralische, politische und sogar spirituelle Wertvorstellungen in allen Religionsgemeinschaften geteilt werden. Die entscheidende Frage sei, in wieweit Bildungsinstitutionen die heranwachsende Generation gezielt auf die Begegnung mit Schülern/innen aus anderen Religionen vorbereiteten.

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Das Vortragsprogramm der Tagung wurde von Hochschullehrenden aus mehreren libanesischen Universitäten mitgestaltet, zu denen der KAAD seit vielen Jahren enge Kontakte pflegt: Prof. Dr. Ziad Fahed (NDU), Dr. Roula Talhouk (USJ), P. Prof. Dr. Gaby Hachem (USEK) und Dr. Elias Halabi (UoB). Eine intensive Zusammenarbeit besteht auch mit der Stiftung Adyan („Religions“). Die profilierte Fachorganisation engagiert sich für ein tieferes Verständnis der gesellschaftlichen Chancen religiöser Diversität im Libanon. Einen umfassenden Einblick in aktuelle Debatten und institutionellen Prozesse  hierzu gaben Vorträge und Inputs von P. Prof. Fadi Daou, Dr. Nayla Tabbara, Prof. Dr. Wajih Kanso, Luai Sharafeddin sowie den KAAD-Stipendiaten Dalia Al-Mokdad, Ramzi Merhej und Dr. Raymond El-Asmar.

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Prof. Dr. Souad Slim führt die Gruppe durch die Klosteranlage Balamand

Das intensive Konferenzprogramm wurde von einer Exkursion in die Küstenstadt Tripoli, einer musikalischen Soirée und einer Talentshow der Stipendiaten/innen gerahmt. Im Anschluss trafen sich die Stipendiaten/innen zu einem Workshop mit dem Thema „Refugee Realities“: Die Teilnehmenden stellten in rotierenden Gesprächsgruppen ihre vielfältigen beruflichen und ehrenamtlichen Aktivitäten im Bereich der Flüchtlingshilfe und der Friedensentwicklung vor. Zudem gab es Raum für Einzelgespräche mit dem Projektbeauftragten des Nahostreferats, Evgeni Goshev.

„Der Austausch zwischen KAAD-Alumni und den syrischen und libanesischen KAAD-Studierenden im Libanon war sehr lebendig“  so Referatsleiterin Dr. Christina Pfestroff. „Sowohl im Konferenzsaal als auch in den vielen Begegnungen am Rande der diesjährigen Auslandsakademie war eine große Offenheit und intellektuelle Neugier zu spüren. Es hat uns ermutigt zu erleben, wie stark der Wunsch der Teilnehmenden war, über die friedensfördernde „soft power“ von Religion ins Gespräch zu kommen.“