Religiöser Extremismus – Radikalisierung – terroristische Gewalt:
KAAD-Kooperationsseminar in Weingarten

“Religiöse Friedensethik darf politische und ökonomische Faktoren nicht ausblenden.“ <br />KAAD-Alumnus Dr. Heydar Shadi (Hamburg)

“Religiöse Friedensethik darf politische und ökonomische Faktoren nicht ausblenden.“
KAAD-Alumnus Dr. Heydar Shadi (Hamburg)

Im Rahmen der langjährigen Kooperation des KAAD mit der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart fand vom 27. bis 30. Juli auch 2017 ein Seminar im Tagungshaus Weingarten statt. 26 Teilnehmende aus 13 Ländern diskutierten unter der Moderation der Akademievertreterin Dr. Heike Wagner und der Referatsleiterin Dr. Christina Pfestroff (KAAD) mit Experten aus Wissenschaft und Praxis das Thema „Religiöser Extremismus und terroristische Gewalt“.

Professor Dr. Andreas Hasenclever, Friedensforscher von der Universität Tübingen, eröffnete das Nahostseminar 2017 mit packenden empirisch fundierten Analysen zur Rolle von Religion in Konflikten. Demnach belegen zahlreiche internationale Studien, dass religiös geprägte Konflikte im Wesentlichen nicht gewaltförmiger sind als Konflikte ohne religiöse Dimension. Gewaltkonflikte folgen, so die These des Vortrags, im Kern einer säkularen Logik. Religion werde dabei – ähnlich wie ethnische oder ideologische Gruppenidentitäten – zumeist zur Mobilisierung zum Kampf für politische oder wirtschaftliche Ziele instrumentalisiert und sei ausgesprochen selten genuiner Konfliktgegenstand. Auf viel Interesse stieß Hasenclevers Analyse, dass Religion in Gewaltkonflikten typischerweise in unterkomplexer, ideologisierter Form („halbierte Religion“) ins Spiel komme. Bildung zum Abbau von „religious literacy“ sei daher ein wirkungsvoller Ansatz zur Gewaltprävention.

„Do not blame the heavens for violence!“ Prof. Dr. Andreas Hasenclever (Tübingen)

„Do not blame the heavens for violence!“
Prof. Dr. Andreas Hasenclever (Tübingen)

Mit Ansatzpunkten für Prävention und De-Radikalisierung befassten sich auch die Vorträge des ägyptischen Islamwissenschaftlers Dr. Mahmoud Abdallah (Universität Tübingen) und des iranischen Religionsphilosophen Dr. Heydar Shadi (Institut für Theologie und Frieden, Hamburg). Im ersten Beitrag wurden drei zentrale Muster radikalisierender Lesarten des Korans und der islamischen Rechtsquellen analysiert: Selektive Textauswahl, Fehlübersetzung und wahlloser Einsatz der Argumentationsfigur der Abrogation, wonach spätere Aussagen frühere außer Kraft setzen. In einer zweiten Präsentation stellte KAAD-Alumnus Dr. Shadi eine Typologie prominenter Kriegs- und Friedensverse des Korans zur Diskussion und skizzierte die klassischen Mechanismen  ethischer Konsensfindung in der islamischen Rechtsgelehrsamkeit.

Inhaltlicher Höhepunkt der Veranstaltung war der Abendvortrag von Dr. Michael Blume, Leiter des Referats „Nichtchristliche Religionen, Werte, Minderheiten“ im Staatsministerium Baden-Württemberg. Sein Thema war terroristische Gewalt gegen Religionsminderheiten im Irak. Mit viel Anerkennung folgten die Teilnehmenden dem Bericht des Religionswissenschaftlers über die Einreise eines Sonderkontingents jesidischer Schutzsuchender im vergangenen Jahr. Blume hatte die Aufnahme von rund 1.100 Frauen und Kindern, die sich in der Gewalt der Terrororganisation Daesh (IS) befunden hatten, maßgeblich vorbereitet.

Die akademische Auseinandersetzung mit dem Tagungsthema wurde durch interaktive Methoden der Reflexion und Begegnung ergänzt, die von den libanesischen KAAD-Stipendiaten/innen Ramzi Merhej und Dayana Hayek eingebracht wurden. Ein sommerlicher Ausflug auf die Insel Lindau am Bodensee und eine quirlige Talentshow am Abschlussabend bildeten den entspannten Ausklang eines intensiven Seminars.