IMG_2076Das Thema der „Gastfreundschaft“ umgreift das Ethische, das Soziale, das Politische, das Religiöse. Es betrifft nicht nur die Grundlagen des Gemeinwesens, sondern auch diejenigen des Menschseins. Gleich zu Beginn des Seminars „Gastfreundschaft“, 21. bis 24.08.2017 in St. Ottilien, Leitung: Dr. Heinrich Geiger, geistliche Begleitung: Pater Prof. Ulrich Engel OP, stellte Frau Prof. Margit Eckholt (Katholische Theologie, Universität Osnabrück) den 29 Teilnehmenden das christliche Gesetz der „unbedingten Gastfreundschaft“ und, im Bezug auf zwei Vorlesungen Jacques Derridas im Jahr 1996, den Begriff der „absoluten Gastfreundschaft“ vor. Deren Kerngehalt besteht darin, nicht nur dem Fremden, sondern auch dem Unbekannten, dem absolut Anderen sein Zuhause zu öffnen, ohne von ihm eine Gegenseitigkeit zu verlangen. In der anschließenden Diskussion schien das grundlegende Paradox zwischen der Herausforderung des Gesetzes der „unbedingten Gastfreundschaft“ und den Gesetzen auf, die die Bedingungen regeln, unter denen der Fremde Gastrecht beanspruchen oder auch verwirken kann – den stets bedingten und konditionalen Rechten und Pflichten, wie sie die griechisch-lateinische, die jüdisch-christliche Tradition wie alles Recht und alle Rechtsphilosophie bis Kant und insbesondere bis Hegel über die Familie, die bürgerliche Gesellschaft und den Staat definieren. Danach stand die Frage im Vordergrund: Wer empfängt wen unter welchen Bedingungen?

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Abtpräses Jeremias Schröder

IMG_2067Abtpräses Jeremias Schröder sprach im Anschluss an Prof. Eckholt am Nachmittag des ersten Tages von der Gastfreundschaft als wichtigster Dimension des klösterlichen Lebens der Benediktiner. Am Beispiel der Regeln des heiligen Benedikt verdeutlichte auch er auf eine sehr eindrückliche Weise, dass „Gastfreundschaft“ im christlichen Geiste bedingungslos ist. Gleichzeitig zeigte er auf, dass der Umgang mit dem Gast in der Ordensregel der Benediktiner ganz klaren Vorgaben unterliegt. Mit dem Pförtner, dem Abt und dem beauftragten Bruder bestünden Schnittstellen zwischen dem Innen des Klosters und dem Außen, aus dem der Gast kommt. Dieser werde an der Peripherie aufgenommen und könne nicht unmittelbar ins Innere gelangen. Er könne zunächst nur mit ganz bestimmten Personen in Kontakt treten.

In seinen Ausführungen über „Gastfreundschaft in Indonesien“ ging Prof. Athanasius Bayuseno, Technische Fakultät der Universitas Diponegoro in Semarang, am Vormittag des zweiten Seminartages auf die Vielfalt der Ethnien in Indonesien und die zunehmende religiöse Fundamentalisierung seines Heimatlandes in der Gegenwart ein. Seine Ausführungen zeigten, dass die Idee der Gastfreundschaft nicht ohne die Furcht vor Kontrollverlust und Selbstaufgabe zu denken ist. Mit einem Bericht von den Dayaks auf Borneo/Kalimantan schilderte der Leiter des Seminars, Dr. Heinrich Geiger, wie der Gast erst nach der Erfüllung einer bestimmten Bedingung – nämlich einem Vertrauensbeweis an den Gastgeber – ins Innere der Gemeinschaft vorgelassen wird. Abtpräses Jeremias Schröder ist es zu verdanken, dass im Falle des Klosters St. Ottilien ebendies der Gruppe der Teilnehmenden unter seiner kundigen Führung ermöglicht wurde.

IMG_2088IMG_2045Bestandteil des Programms war eine Exkursion auf den „heiligen Berg“ Andechs und nach Diessen am Ammersee. Bei herrlichem Spätsommerwetter und weitem Blick über den See in die Berge wurden sich die Teilnehmer/innen eines weiteren Aspekts der Gastfreundschaft bewusst: ihrer Zeitlichkeit. Denn am nächsten Tag mussten sie zu ihrem Bedauern bereits wieder die Rückreise an ihre Studienorte antreten, dankbar gegenüber den Schwestern, Brüdern und Mönchen in St. Ottilien, die gute Gastgeber waren.