Zwischen Favelas und Gated Communities: Zukunftsorientierte Stadtplanung in Lateinamerika

Favelas, comunas, pueblos jóvenes etc. sind nur einige der Bezeichnungen für städtische Siedlungsräume Lateinamerikas, mit denen Menschen Illegalität, Kriminalität, prekäre Wohnbedingungen und unzureichende Grundversorgung assoziieren. Es sind urbane Räume der Armut, die sich häufig nahe des Stadtzentrums entwickeln, während sich wohlhabende Bewohner an den Stadtrand in Siedlungen zurückziehen, die durch Mauern und Zäune gesichert und von Wachpersonal kontrolliert werden. Siedlungsmuster reflektieren so die zunehmende soziale Segregation und sich verhärtende Sozialbeziehungen in vielen Städten Lateinamerikas.

Brandenburger TorGruppenarbeit 130 Stipendiaten/innen aus 10 Ländern wollten in dem Seminar „Zwischen Favelas und Gated Communities: Zukunftsorientierte Stadtplanung in Lateinamerika“ nicht nur die zentralen Elemente einer nachhaltigen Stadtentwicklung kennenlernen, sondern auch der Frage nachgehen, wie moderne Stadtplanung die sich widerspiegelnde Ungleichheit aufbrechen kann. Dr. Eva Dick (Deutsches Institut für Entwicklungspolitik, Bonn) berichtete von der neuen urbanen Agenda, die bei der UN-Konferenz „Habitat III“ im Oktober 2016 in Quito vorgestellt worden war (kompakte Siedlungsentwicklung mit Platz für öffentliche Räume, sparsamer Umgang mit Ressourcen, Stärkung öffentlicher Verkehrsmittel, gesunde Lebensbedingungen für alle etc.). Sie betonte in ihrem Vortrag immer wieder die Notwendigkeit, Stadtbewohner in Projektplanungen einzubinden.

Die mexikanische Architektin Mariana Enriquez, die über „gated communities“ in Mexico referierte, wies nicht nur auf ökologische und Gruppenarbeit 2verkehrstechnische Probleme dieser Siedlungen hin (zu viel Siedlungsraum für geringe Bewohnerzahl, Verkehrsstaus zu Stoßzeiten), sie zeigte auch, dass die Rechtfertigung dieser Siedlungsform durch den ständigen Hinweis auf die schlechte Sicherheitslage in Städten selbst zu Verfestigung des Images von der gewalttätigen Stadt beiträgt.Stadt

In verschiedenen Teilnehmerreferaten erhielten Seilbahnprojekte als verkehrstechnische Maßnahmen (Medellín und La Paz) trotz bestehender Schwachpunkte eine positive Beurteilung im Hinblick auf mehr soziale Integration in urbanen Räumen. Das Seminar bestätigte die Notwendigkeit, den öffentlichen Personennahverkehr generell voranzubringen und den Staat (im Dialog mit Stadtbewohnern) bei der Entwicklung urbaner Räume wieder mehr in die Pflicht zu nehmen (z. B. beim modernen sozialen Wohnungsbau).

UnterweltenEinen ganz anderen Aspekt urbanen Lebens lernte die Gruppe bei einer Exkursion in die „Berliner Unterwelten“ kennen. Eine Führung durch Bunkeranlagen des Zweiten Weltkriegs gab einen Eindruck des Alltagslebens der Zivilbevölkerung während der grausamen Kriegsjahre. Geistlicher Höhepunkt des Seminars war ein Gottesdienst in der Kapelle der Katholischen Akademie Berlin