Buen Vivir: Grundlage eines alternativen Entwicklungskonzepts?

  Gruppe web32 Stipendiaten/innen aus 13 Ländern trafen sich vom 1. bis 4. Februar im Ludwig-Windthorst-Haus in Lingen (Ems), um sich mit dem mittlerweile viel diskutierten Thema des Buen Vivir zu beschäftigen. Hinter dem Begriff steht die Vorstellung eines guten Lebens, das weniger auf wirtschaftliches Wachstum als vielmehr auf den Einklang mit der Natur setzt und menschlichen Gesellschaften mehr Raum für Reflexion, Spiritualität und gemeinschaftliches Handeln lässt. Das Konzept stammt ursprünglich aus den indigenen Kulturen Ecuadors und Boliviens, wird aber auch in „entwickelten“ Ländern längst nicht mehr nur belächelt, sondern hat Eingang in wissenschaftliche Diskurse und Debatten gefunden. Adrián Beling (Humboldt Universität Berlin) hat in seinem Vortrag diesen Prozess sehr genau nachgezeichnet und so erklärt, wie Buen Vivir sogar Eingang in die Verfassungen von Ecuador und Bolivien gefunden hat. Die Frage, ob diese „Instrumentalisierung“ durch die Politik eine Abwertung des Konzepts zur Folge hat, wurde kontrovers diskutiert.

????????????????????????????????????????????????????????????????????????Dr. Dieter Richarz (Bischöfliches Hilfswerk Misereor, Aachen) erläuterte, dass die Ideen des Buen Vivir sich auch in der Enzyklika Laudato si‘ von Papst Franziskus aus dem Jahr 2015 finden, in der sich der Heilige Vater sehr besorgt zeigt über den Umgang des modernen Menschen mit der natürlichen Umwelt. Der Stipendiat Pablo de la Vega aus Guatemala, der an der Philosophischen Hochschule in München ein Masterprogramm durchläuft, sprach von der integrativen Kraft der indigenen Philosophie. Nach seiner Einschätzung liegt eine große Herausforderung darin, diese Philosophie und ihre Ethik in einen Dialog zu bringen mit dominierenden Strömungen des Postmodernismus, die nach wie vor auf dem liberalen Verständnis von Freiheit des Individuums basieren.

Besuch in MS WebDas Konzept des Buen Vivir ist kein Gegenmodell zu modernen komplexen Gesellschaften. Es beinhaltet jedoch Elemente (z.B. Kritik an der westlich-liberalen Vorstellung von individueller Freiheit zu Gunsten einer Stärkung des Gemeinschaftsbegriffs; ein Verständnis von Natur als Subjekt und nicht als Objekt eines Entwicklungsbegriffs, der auf Wachstum beruht, etc.), die die westliche Lebensform und unseren Vorstellung von Entwicklung herausfordern. Die Teilnehmer/innen am Seminar sind jedenfalls gut vorbereitet für die diesjährige KAAD-Jahresakademie mit dem Thema „Gemeinsame Zukunft in einer gerechten Welt – Unsere Verantwortung für eine ganzheitliche Entwicklung“.