Koexistenz von Kulturen und Religionen im Nahen Osten

„Koexistenz von Kulturen und Religionen im Nahen Osten“ war das Thema des diesjährigen NO-Seminars, das vom 12.3. bis zum 15.3. 2018 im Kloster Ludgerus in Helmstedt – im barocken Kaisersaal – stattfand. 23 Stipendiaten aus 12 Ländern nahmen an diesem Seminar teil.

????????????????????????????????????Zum inhaltlichen Beginn des Seminars galt es, sich der Vielschichtigkeit des Begriffs „Koexistenz“ zu nähern und ein Gespür für dessen historische, philosophische sowie gesellschaftspolitisch relevanten Dimensionen zu erhalten. Dazu hielt der Politikwissenschaftler PD Dr. Jörn Knobloch (Bild rechts), Universität Potsdam, einen einführenden Vortrag, den er mit der Arbeitsdefinition von ‚Koexistenz‘ als das ‚friedliche Zusammenleben von Gruppen“ begann und in dem er sodann die Entwicklung des Konzepts der Koexistenz nachzeichnete: von der Polis des antiken Griechenlands über den dreißigjährigen Krieg und den Westfälischen Frieden in Mitteleuropa des 17. Jahrhunderts zu den Grauen des 20. Jahrhunderts. Dabei schälte er Kernkomponenten heraus (Mächtegleichgewicht, Souveränität, Toleranz), die die weiteren Einheiten und Diskussionen des Seminars vorbereiteten.

????????????????????????????????????????????????????????????????????????Nachdem das Konzept der Koexistenz aus politikwissenschaftlicher Perspektive beleuchtet worden ist, stand in einem vom KAAD Alumnus Ramzi Merhej geleiteten Planspiel die Teilnehmerperspektive darauf im Mittelpunkt: Die Stipendiaten/innen wurden in verschiedene Gruppen eingeteilt, in denen sie zuerst „Koexistenz“, „Religion“ und „Kultur“ definierten und gruppenübergreifend diskutierten. Im Anschluss sollte sich jede Gruppe als eine Einheit mit drei nicht verhandelbaren Identitätsmerkmalen konstituieren und – unter bestimmten Auflagen – mit den anderen Gruppen in Beziehung treten, um die Möglichkeit eines gemeinsamen Zusammenleben auszuloten.

????????????????????????????????????Lösungsvorschläge für bestehende Konflikte im Nahen Osten wurden im Anschluss an das Planspiel von Elisabeth von Hammerstein (Bild rechts) von der Körber-Stiftung erläutert. Sie ist Leiterin eines Programms, das der Frage nachgeht, inwieweit sich der Westfälische Frieden, der den – vor vierhundert Jahren begonnenen – dreißigjährigen Krieg beendete, als Folie auf die Konflikte des Nahen und Mittleren Ostens übertragen ließe. Ansatzpunkte für einen Vergleich der Konflikte sind zahlreich: Wie beispielsweise der Krieg in Syrien mit einem Aufstand einiger Bevölkerungsteile gegen den Machthaber Assad begann, so brach auch der dreißigjährige Krieg aus, nachdem böhmische Adelige bei dem sogenannten Prager Fenstersturz die Statthalter ihres habsburgischen Landesherrn bekämpften. Konfessionelle Konflikte sowie der Kampf um die regionale Vorherrschaft befeuerten beide Kriege. Auch wenn die Analogie nicht in allen Bereichen standhält, lässt sich der Westfälische Frieden zumindest als Inspirationsquelle für den Nahen Osten verstehen.

????????????????????????????????????Nach diesem sehr ereignisreichen Vormittag stand die Exkursion in die jüngsten Konflikte der deutschen Vergangenheit auf dem Programm: Auch in Deutschland war friedliches Zusammenleben zur Zeit des Kalten Krieges keine Selbstverständlichkeit. Ein Ausflug an verschiedene Abschnitte der innerdeutschen Grenze macht dies deutlich: Die Exkursion begann im Zonengrenz-Museum Helmstedt, in dem uns ein kleiner Überblick über die verschiedenen Phasen der deutschen Teilung und ihres Grenzverlaufes gegeben wurde. Von dort ging es mit dem Bus zur Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn, dem ehemaligen Grenzübergang zwischen Hannover und Berlin. Während der Fokus hier vor allem auf dem Einreiseverkehr in die DDR lag, konzentrierten wir uns an der nächsten Station, dem Grenzdenkmal Hötensleben, auf die Grenzbefestigung der DDR nach innen. In der anschließenden Reflexionsrunde wurde deutlich, dass die innerdeutsche Teilung noch immer negativ den deutschen Diskurs bestimmt. Vor allem den in Ostdeutschland lebenden Stipendiaten/innen wird diese Spaltung immer wieder aufs Neue bewusst, z.B. wenn sie mit Menschen aus anderen Teilen der Bundesrepublik auf ihren ‚ungewöhnlichen‘ Studienort angesprochen werden.
Zum Abschluss dieses sehr intensiven Tages sahen wir uns den libanesischen Film „Against the Current/Aaks as-Seir“ an, der sich mit dem libanesischen Bürgerkrieg (1975-1990) auseinandersetzt. In diesem Film kommen einige Christen und Muslime zur Sprache, die sich in besonderer Weise für eine Beendigung des Konflikts und für ein friedliches Miteinander der verschiedenen Religions- und Konfessionsgruppen eingesetzt haben. In einer Zeit, in der im Nachbarland ein ähnlich komplexer und verheerender Krieg wütet, vermittelt dieser Film Hoffnung, die die Hilflosigkeit verdrängen kann.
Der nächste Morgen begann mit einem – auch thematisch zum Seminar passenden – Gottesdienst in der erhabenen, aus dem 12. Jahrhundert stammenden Felicitas-Krypta.

????????????????????????????????????????????????????????????????????????Im Anschluss daran griffen wir die religiösen und konfessionellen Aspekte einer gelungenen oder scheiternden Koexistenz wieder auf und vertieften mit P. Dr. Dietmar Schon OP (Bild links), Leiter des Ostkircheninstituts der Diözese Regensburg, die Geschichte des ökumenischen und christlich-islamischen Dialogs im Nahen und Mittleren Osten. Pater Schon führte die Seminargruppe in die Grundlagen des christlich-islamischen Dialogs ein und skizzierte verschiedene Phasen in der Geschichte dieses Dialogs. Dabei nahm er auch auf einige der bereits zuvor im Film zu sehenden Akteure – wie beispielsweise den orthodoxen Bischof von Berg Libanon, George Khodr (geb. 1923) – Bezug.
Nach einer Fortsetzung des Planspiels lenkten wir unseren Blick am Nachmittag auf die Möglichkeiten jedes Einzelnen für die Überwindung von Konflikten. In einem „Markt der Möglichkeiten“ stellten die Stipendiaten erfolgreiche Beispiele zivilgesellschaftlichen Engagements für die friedliche Koexistenz von Kulturen und Religionen vor, sei es im Nahen Osten, in anderen Regionen der Welt oder in Deutschland. Hier wurde deutlich, dass Hoffnungslosigkeit der Freude und dem Wirken jedes Einzelnen weichen kann.

Wie sehr dieser Funke übergesprungen war, wurde spätestens bei der inhaltlichen Seminarauswertung deutlich: Die Teilnehmer/innen – zu zwei Dritteln aus Ländern des Nahen und Mittleren Ostens, ein Drittel aus anderen Regionen – gaben an, Vorurteile über manch andere Region und deren Bewohner durch das Seminar verloren zu haben, gleichzeitig gaben die Teilnehmer/innen an, ein Gefühl der Hoffnung und Bestärkung mit nach Hause zu nehmen.

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Dadurch hat das Seminar selbst einen kleinen Beitrag für ein friedliches Zusammenleben geleistet und allen geholfen, einen weiteren Blick über den Tellerrand zu wagen.