Internationale KAAD – Alumni – Konferenz in Rumänien zum Thema: Migration und Integration – früher und heute

Ronai

Prof. Dr. Alexandru Ronai

Vom 16. bis 17. Mai 2018 trafen sich 29 Alumni des KAAD und von Renovabis aus dem Gastgeberland Rumänien sowie Ungarn, der Slowakei, Polen, Lettland und zwei Gäste aus Deutschland zu einer internationalen Konferenz zum Thema „Migration und Integration – früher und heute“ in dem Karmeliterkloster Ciofliceni in der Nähe von Bukarest. Im Rahmen der Konferenz wurden die Phänomene der Migration (dazu auch der Flucht, Auswanderung, Deportation, des Exils usw.) und Integration aus verschiedenen Perspektiven (kulturgeschichtlich, historisch, soziologisch, politisch, literatur- und sprachwissenschaftlich usw.) betrachtet. Nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden des KAAD-Partnergremiums in Rumänien, Prof. Dr. Marcel Popa, und des Leiters des Osteuropa-Referats Markus Leimbach, wurde die Konferenz von den Organisatoren, Prof. Dr. Raluca Radulescu und Prof. Dr. Alexandru Ronai eröffnet.

Danca-Popa

Prof. Dr. Wilhelm Danca und Prof. Dr. Marcel Popa

Prof. Dr. Wilhelm Danca, Dekan der theologischen Fakultät aus Bukarest, begann seinen Vortrag mit der Frage, wie Migranten empfangen werden sollten. Dabei stellte er in den Fokus, dass Gastfreundschaft zwei Seiten hat. Zentral sei aber die Perspektive, die man dem Unbekannten gegenüber einnimmt, und dabei sei die Gastfreundschaft auf persönlicher Ebene klar von der politischen zu trennen.

Diese Unterscheidung griff Dozent Dr. Ioan Alexandru Tofan aus Iași auf, der drei philosophische Konzepte von Gastfreundschaft vorstellte: Während Immanuel Kant diese als einen vom Staat gewährten, zeitlich begrenzten Aufenthalt in einem bestimmten Gebiet definierte und damit ein rein politisches Konzept vertrat, sprach der französische Philosoph Jacques Derrida von einer „Erfahrung von Gastfreundschaft“ als der persönlichen Aufnahme von Bedürftigen in einer globalen Welt, in der Staatsgrenzen unbedeutend sind. Der rumänische Geistliche Andrei Scrima schließlich vertrat das Konzept der „absoluten Gastfreundschaft“, nach der Gastfreundschaft nicht bedeutet, zu geben, sondern vielmehr – in einem spirituellen Verständnis –, zu sein.

Den politisch viel diskutierten Zusammenhang zwischen Migration und Religion beleuchtete Dr. Damian Belina aus dem polnischen Lublin in seinem Vortrag. Religion kann Auslöser für Migration sein, und umgekehrt haben Migrationsbewegungen in der Vergangenheit auch die Religionsentwicklung beeinflusst. Inwieweit die gegenwärtigen Einwanderungsbewegungen in Europa die Zu- oder Abnahme von Religiosität bei den Einwanderern oder den Einheimischen beeinflussen, wird sich wohl erst in der Zukunft erkennen lassen.

Kimmich-Radulescu

Prof. Dr. Dorothee Kimmich und Prof. Dr. Raduca Radulescu

Mit der politischen Debatte um Migration und Integration beschäftigten sich auch die beiden Gäste der Konferenz, Prof. Dr. Dorothee Kimmich aus Tübingen und Prof. Dr. Anil Bhatti aus Neu-Delhi, die das Prinzip der Similarität als Alternative zu Differenzdiskursen vorstellten. Die Bereitschaft, Ähnlichkeiten statt Unterschiede im Fremden zu sehen, bestimme das jeweilige Weltbild, erklärten sie. Daher betonten Rechtspopulisten mit Vorliebe die Opposition zwischen Eigenidentität und Differenz und übersähen dabei die Mitte: die Ähnlichkeiten zwischen mir selbst und dem Fremden. Der Ähnlichkeitsdiskurs solle einen Gegenpol zu rassistischen Diskursen bilden. Gerade für Angelegenheiten der Integration seien die Frage nach den Ähnlichkeiten und die Frage, wo Fremdheit eigentlich beginnt, von großer Wichtigkeit. So sei der monotheistische Islam dem Christentum im Vergleich mit anderen, beispielsweise hinduistischen Religionen, ziemlich ähnlich, was gerne übersehen würde. Die Bezeichnung „Islam“ sei hierbei eine vom Differenzdiskurs dominierte Homogenisierung einer disparaten Gruppierung; lediglich eingeführt, um Fremdes politisch zu kategorisieren. Trotz oder gerade wegen der zunehmenden Polarisierung von rechts in Europa appellierte Dr. Gheorghe-Ilie Farte aus Iași an die Akademiker, den Austausch mit Populisten zu suchen, ihnen respektvoll zu begegnen und den Versuch zu machen, Verständnis für die andere Meinung aufzubringen. In der Diskussion wurde gefordert, dass dieses auch von den Populisten erwartet wird.

Verschiedene Perspektiven zu Migrationsbewegungen sprach Dr. Peter Varga aus Budapest an. In der osteuropäischen Geschichte gab es zahlreiche Migrationsbewegungen, zum Beispiel die der Russlanddeutschen, der Ungarndeutschen oder auch die der Siebenbürger Sachsen. Je nach Kontext seien diese Migrationen von den Ein- und Auswanderern unterschiedlich bewertet worden: als Zwangsevakuierung, als Strafe, als ethnische Vertreibung oder im Fall der Heimatvertriebenen sogar als Rückkehr. Diese Aspekte spielen eine Rolle um Migranten erfolgreich in die eigene Gesellschaft integrieren.

Auditorium 3Prof. Dr. Bhatti  brachte das Sprichwort „Bäume haben Wurzeln, doch der Mensch hat Beine“ in die Überlegungen ein. Frau Dr. Radulescu vertiefte diesen Gedanken mit der Metapher der Wurzellosigkeit: Der Mensch sei nicht auf Wurzeln angewiesen, wie das Nomadentum, das so alt ist wie die Menschheit, und vergangene Massenmigrationen bewiesen hätten. Die Metapher des Rhizoms (unterirdisch. Sprossachsensystem) statt der Wurzel sei dahingegen passender. Mit diesem Bild verändere sich die Selbstdefinition des Menschen in Bezug auf Migration und Integration: Während eine Wurzel eine feste Ortszugehörigkeit, Exklusion neuer Gewächse und Ausbreitungstendenzen impliziert, steht das Rhizom für eine Vernetzung und für Heterogenität.

Literarisch wurde es mit Prof. Dr. Wojciech Kudyba und seiner Tochter Dorota Kudyba aus Warschau und Krakau, indem sie Beispiele für eine moralische Lehre gegen Fremdenhass aus der Literatur vorstellten. Einen ganz ähnlichen Ansatz verfolgte Dr. Jana Juhásová aus der Slowakei, die aus der Intention heraus, Jugendliche mit Themen wie Rassismus, Heimat, Arbeit und Krieg sowie Sozialhilfe und Integration zu konfrontieren, mit Hilfe eines deutschen Jugendromans ein Unterrichtskonzept für Deutsch als Fremdsprache (DaF) erstellt hat.

Auditorium 2Die Besonderheiten des DaZ- Unterrichts (Deutsch als Zweitsprache), der sich an Einwanderer in Deutschland richtet, im Vergleich zum DaF-Unterricht, der im Rahmen von Bildungsprogrammen im Ausland gelehrt wird, zeigte die Deutschdozentin Dr. Stanislava Galova aus Nitra auf: Die Schüler leben isoliert von deutschen Muttersprachlern oft in Sammelunterkünften, leiden wegen der Gruppenschlafsäle vermehrt unter Schlafmangel und haben keinen angemessenen Ort zum Lernen. Eine sogenannte „Lern-Ungewohnheit“ (viele der Deutschlernenden hatten zuvor nie Sprachunterricht, sind nur wenige Jahre zur Schule gegangen und beherrschten keine Lerntechniken) kommt hinzu. Moderne Unterrichtsmethoden wie Gruppenarbeit und Lernmethoden müssen schrittweise eingeführt werden. Schwierig ist auch die Themenwahl, denn während ein direkter Realitätsbezug enorm wichtig sei, sind einige Themen, wie zum Beispiel die Familie, nur sehr sensibel zu besprechen. Viele DaZ-Lehrer haben keine spezielle Qualifikation. Die richtige Auswahl von angepassten Lehrwerken ist darum besonders wichtig. Hierzu gibt es in Deutschland eine breite Auswahl an hervorragenden Lehrwerken, während in anderen Sprachen oft auf weniger spezifizierte Werke zurückgegriffen werden muss.

Prof. Dr. Iveta Leitane aus Riga stellte anhand einiger lettischer Intellektueller mehr oder minder gescheiterte Migrationen in der Geschichte vor. Geschichtlich wurde es auch mit Prof. Dr. Dariusz Wojtaszyn aus Wroclaw in Polen, der die Migration von DDR-Sportlern in den Westen und deren Schicksale darstellte. Wobei deutlich wurde, dass diese gerne und mit Erfolg integriert wurden. Zum Abschluss stellte die Psychologin Dr. Emese Szasz, Mitarbeiterin des ungarischen Verteidigungsministeriums in Budapest, die Wege von europäischen Bürgern dar, die sich freiwillig den terroristischen Gruppen vor allem in Syrien und im Irak anschließen und die Probleme, die sich mit der Rückkehr in die Heimatländer ergeben.

GruppenfotoBei den gemeinsamen Mahlzeiten, an den Abenden und während eines Ausflugs mit Stadtführung durch das nahegelegene Bukarest wurden die Vorträge und das Thema weiter diskutiert und die Chance genutzt, sich zu vernetzen und zu gemeinsamen Projekten zu verabreden. Den Abschluss der Konferenz bildete schließlich ein traditionelles Abendessen im historischen Lokal „Caru’ cu Bere“ in der Bukarester Altstadt. Die Darstellung der Themen und die Diskussionen zeigten den vorsichtigen und zurückhaltenden Umgang mit Migration und Zuwanderung in Mittel- und Osteuropa. Bestehende Vorurteile und Ängste vor Migranten wurden nicht ausdiskutiert, sondern immer nur wieder andiskutiert, da sie der allgemeinen Meinung in Mittel- und Osteuropa entsprechen.