Human trafficking: Moderne Sklaverei im 21. Jahrhundert

Eines der großen Probleme unserer Zeit ist der ‚Menschenhandel‘ (engl. human trafficking) – darunter werden die Anwerbung, der Transport und die Aufnahme von Menschen unter Androhung oder Anwendung von Gewalt zum Zwecke der Ausbeutung verstanden, beispielsweise der sexuellen Ausbeutung oder der Ausbeutung der Arbeitskraft. Die Internationale Arbeitsorganisation schätzt, dass weltweit mindestens 25 Mio. Menschen betroffen sind – die Tendenz ist steigend.
Vom 14. bis zum 17. November 2018 hat sich ein Seminar in Kooperation von KAAD und der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart im Tagungshaus Weingarten dem Thema des Menschenhandels unter dem Titel „Human trafficking: Moderne Sklaverei im 21. Jahrhundert“ gewidmet. 27 Teilnehmer/innen aus 15 Ländern setzten sich drei Tage lang (unter der Seminarleitung von Dr. Nora Kalbarczyk, KAAD und Dr. Heike Wagner, Tagungshaus Weingarten) mit einem Phänomen auseinander, das weltweit zu finden ist – und das es im 21. Jahrhundert schon längst nicht mehr geben dürfte. Unterfüttert und spirituell begleitet wurde das inhaltliche Programm durch das geistliche Rahmenprogramm, das von P. Prof. Dr. Ulrich Engel geleitet wurde.
Zur Einführung in das Thema hielt Dr. Pascale Reinke-Schreiber vom Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC), Wien, einen interaktiven Vortrag, der die Teilnehmer/innen für das Phänomen in dessen unterschiedlichen Ausprägungen und Formen sensibilisierte und dessen globale Verbreitung verdeutlichte. Dabei betonte sie den Unterschied zwischen Menschenhandel, der auf die Ausbeutung des Menschen abzielt und ein Verbrechen gegen den einzelnen Menschen darstellt und dem Phänomen des Schmuggelns von Migrant/innen zum illegalen Grenzübertritt, das also ein Vergehen gegen den jeweiligen Staat darstellt. Sie zeigte die verschiedenen Ursachen, die dem Phänomen zugrunde liegen als auch die Anstrengungen der Staatgemeinschaft auf, das Phänomen zu bekämpfen.
Eine Form des Menschenhandels, die auch in Deutschland verbreitet ist, ist der Menschenhandel zum Zwecke von sexueller Ausbeutung. Prof. Dr. Yvette Völschow von der Universität Vechta, Koordinatorin des deutsch-österreichischen Verbundprojekts Prävention und Intervention bei Menschenhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung (PRIMSA), schilderte die Situation in Deutschland und in Österreich, gab einen Überblick über die Zahl und Herkunft der Betroffenen, über die Gesetzeslage und über Präventions- und Interventionsansätze.
Dasselbe Thema – Zwangsprostitution – wurde im Anschluss aus einer ganz anderen Perspektive beleuchtet: Zwei Polizisten des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg, Wolfgang Fink und Moritz Gölz, stellten den internationalen Studierenden ihre Arbeit, die Bekämpfung des Menschenhandels Tag für Tag, vor und gaben einen erschütternden Einblick in die kriminellen Strukturen, die den Menschenhandel ermöglichen
Meistens, wenn auch nicht ausschließlich sind Mädchen und Frauen von dieser Art des Menschenhandels betroffen. Betroffene Frauen finden Schutz und Zuwendung in verschiedenen Beratungsstellen. Unabdingbar für den Opferschutz in Deutschland ist sicherlich SOLWODI, Solidarity with women in distress: 1985 in Kenia gegründet, bietet diese Organisation in Not geratenen Migrantinnen in Deutschland ein breites Netz an Beratungsstellen.
Die Comboni-Missionsschwester Beatrice Mariotti (SOLWODI Berlin e.V.) zeigte den Seminar-Teilnehmer/innen in ihrer Einheit die verschiedenen Dimensionen sowohl des Präventionsbegriffs und der Präventionsarbeit als auch der Identifizierung und der Unterstützung von Betroffenen auf.

Auf eine andere Form des Menschenhandels, nämlich die zum Zwecke der Arbeitsausbeutung – und auf ihren manchmal schleichenden Beginn – machte Stanislava Rupp-Bulling vom DGB-Projekt Faire Mobilität – Arbeitnehmerfreizügigkeit sozial, gerecht und aktiv, Beratungsstelle Stuttgart, aufmerksam. Arbeitsausbeutung ist in Deutschland in vielen Branchen verbreitet, beispielsweise auf dem Bau, in der Fleischindustrie, in der Transportbranche oder in der Landwirtschaft, und betrifft oftmals Menschen aus Osteuropa, die über eine Kette von Subunternehmen zu Hungerlöhnen angestellt sind bzw. oftmals gar nicht bezahlt werden. Das Projekt „Faire Mobilität“ hat sich die Prävention und Intervention der Arbeitsausbeutung zur Aufgabe gemacht und richtet sich mit seinen Beratungsstellen in Deutschland gerade an Betroffene aus EU-Ländern
Einen Blick in die Geschichte des Menschenhandels in Deutschland warf die Exkursion, die die Teilnehmer/innen von Weingarten ins nahe gelegene Ravensburg auf den Spuren der sogenannten Schwabenkinder führte. Dabei handelte es sich um Kinder, die sich aus armen Bergdörfern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz im Frühjahr auf den Kindermärkten in Oberschwaben versammelten, wo sie von Bauern zur Feldarbeit erworben wurden. Dieses Phänomen lebte bis in die 1920er Jahre hinein fort und führte zwischenzeitlich zu diplomatischen Verwerfungen zwischen Deutschland und den USA.

Der Museumsführer Christophe Freund wies bei dem Rundgang darauf hin, dass wir die Schwabenkinder nicht lediglich als historisches Phänomen betrachten sollten, sondern uns die zeitgenössischen und dramatischen Dimensionen des Phänomens von Menschenhandel zum Zwecke der Arbeitsausbeutung bewusst machen müssen, um schließlich – beispielsweise durch bewusste Konsumentscheidungen, durch einen wachen Blick sowie durch ehrenamtliches Engagement – zu einer Bekämpfung des Problems beizutragen.
Mit dem Seminar sollte eine erste Sensibilisierung aller Beteiligten für die vielfältigen Erscheinungsformen des Menschenhandels bewirkt und auf dessen Verbreitung aufmerksam gemacht werden. Damit nimmt es ein Anliegen von Papst Franziskus auf, der den Kampf gegen Menschenhandel zu einem Schwerpunktthema seines Pontifikats erhoben und dazu aufgerufen hat, sich gegen jegliche Formen der modernen Sklaverei einzusetzen.