Europaseminar in Brüssel zum Thema Die Europäische Union als Vorbild für eine Arabische Union?

Im Vorfeld der Europawahl, in den Wirren des Brexit und der aufstrebenden Nationalpopulismen, haben sich KAAD-Stipendiatinnen und Stipendiaten unter der Leitung von Dr. Nora Kalbarczyk und P. Prof. Dr. Thomas Eggensperger OP Anfang Feburar (03.-07.02.2019) nach Brüssel aufgemacht, um Einblicke in die Idee und Arbeit der EU zu erhalten. Die Teilnehmenden, die überwiegend aus Ländern des Nahen und Mittleren Ostens kamen, suchten dabei die Frage zu beantworten, inwieweit die Europäische Union – trotz aller gegenwärtiger Kritik – als Vorbild für die arabische Welt, für eine Arabische Union, fungieren könnte.
Die Geschichte der EU und das Kennenlernen ihrer Institutionen standen im ersten Teil des Seminars im Fokus – vertieft durch einen Besuch der EU-Kommission und dem Gespräch mit Vertretern verschiedener Ressorts. Vassilios Kanaras (Directorate General for Communication) eröffnete den Besuch mit einem einführenden Vortrag zur Rolle der Europäischen Kommission als der politischen Exekutive der Europäischen Union.

Anschließend stellte Alexis Yamajako (DG Economy and Financial Affairs) die Währungsunion und die europäische Finanzpolitik vor. Der Diplomat David Tunney aus dem European External Action Service, also dem europäischen „Außenministerium“, gab einen Einblick in die Europäische Außen- und Sicherheitspolitik.
Jiří Hladík, Koordinator für interinstitutionelle Beziehungen, gab abschließend einen Überblick über die Erweiterungspolitik der europäischen Union. Mit dem Workshop „The European Idea and its Realization“ wurde dieser Besuch am nächsten Tag im Tagungshaus nachbereitet und vertieft.
Im Zentrum des weiteren Seminarverlaufs stand der renommierte ägyptische Intellektuelle, Prof. Dr. Hassan Nafaa, emeritierter Politikwissenschaftler an der Universität Kairo, zu dessen Veröffentlichungen ein Werk zu dem Thema „Die Europäische Union und die Lehren für die arabische Welt“ gehört. Sein Vortrag wurde von den Stipendiatinnen und Stipendiaten mit sehr viel Interesse aufgenommen und mit viel Engagement besprochen. So verglich Prof. Nafaa in seiner Analyse die regionalen und globalen Rahmenbedingungen, die die Gründung der damaligen Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (1951) begünstigten, und verglich sie mit den Rahmenbedingungen, die der Etablierung einer Arabischen Union im Wege standen bzw. stehen. Eines der Erfolgsmerkmale der EU sei, so Nafaa, zudem die Idee gewesen, mit einem konkreten – über Frieden und Krieg entscheidenden – Wirtschaftsfaktor zu beginnen und die Union sukzessive auf andere Zweige und Länder auszuweiten. Dies könnte ein Anknüpfungspunkt für eine Arabische Union sein. Die Basis jeglicher erfolgreicher Unionsbestrebungen liegt jedoch, wie es auch bei der Erweiterung der EU verbindlich festgelegt ist, in der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit der jeweiligen Länder.
Ein weiterer Höhepunkt des Programms war der Besuch bei der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Union (COMECE). Die KAAD-Gruppe wurde vom Generalsekretär Fr. Olivier Poquillon OP herzlich empfangen und von ihm in die Rolle der Katholischen Kirche als Akteur in der Europäischen Union eingeführt. Immer wieder in der Gestaltung der europäischen Politik den Blick auf das Große im Kleinen zu lenken und dabei stets das Gemeinwohl zu fokussieren, ist das Bestreben der COMECE. Dialog, Partnerschaftlichkeit, Solidarität, Bewahrung der Schöpfung und Friedensverheißung sind einige der damit verknüpften Stichworte, die den Stipendiatinnen und Stipendiaten eindrucksvoll nicht nur die Rolle von Christen in Europa, sondern auch ihre eigene Rolle als zukünftige Verantwortungseliten reflektieren ließen. Aufbauend darauf konnte die Seminargruppe eine Heilige Messe – zusammen mit einigen EU-Vertretern – in der Kapelle der COMECE feiern.
Sowohl bei einer Stadtführung als auch auf eigene Initiative gab es zwischendurch die Gelegenheit, Brüssel in all seiner historischen, kulturellen und kulinarischen Vielfalt zu entdecken, also die Geschichte der Stadt und ihrer Wahrzeichen zu erkunden sowie Schokolade und Waffeln zu kosten und das Seminar in einem typischen belgischen Pub ausklingen zu lassen. So hat der Besuch in Brüssel allen Teilnehmenden viele neue Eindrücke eröffnet, die in mancherlei Hinsicht prägend sein werden.