KAAD-Jahresakademie 2016: Ich und Wir – Wir und die Anderen: Auf der Suche nach Identitäten in einer globalisierten Welt

Die 30. Jahresakademie vom 28. April bis 1. Mai 2016 führte in Bonn 209 Stipendiaten/innen und 69 Gäste aus 53 Ländern zusammen zu einer intellektuellen und künstlerischen Orientierung im Spannungsfeld lokaler und globaler Identitäten. Zum fünften Male wurde auch der Preis der KAAD-Stiftung im Rahmen einer Konzert-Soirée vergeben.

Die oft gewaltsamen Konfliktlinien, die unsere zusammenwachsende Welt durchziehen, sind fast immer verbunden mit Fragen der Anerkennung von Identitäten. Während die Globalisierung – als intensivierte reale und virtuelle Vernetzung, gezeichnet von Migrationsströmen und allerorts wachsender Pluralisierung – feste Identitätszuschreibungen zu unterlaufen, ja aufzulösen scheint, steigt doch oder bleibt zumindest das Bedürfnis, sich als Einzelperson, als Gruppe, als politische oder religiöse Gemeinschaft zu „identifizieren“ und zu legitimieren.

PodiumsdiskussionIMG_3998

Prof. Dr. Nikolaus Werz, Univ. Rostock, Dr. Hermann Weber, KAAD; Prof. Dr. Oleh Turiy, Kath. Universität Lemberg

Das zentrale Podium führte mit Impulsreferaten des Rostocker Politikwissenschaftlers Nikolaus Werz und des Vizerektors der Ukrainischen Katholischen Universität Lemberg und Historikers Oleh Turiy mitten in die Debatte um „Kommunitarismus“ versus „Kosmopolitismus“ bzw. „Identitäre“ versus „Pluralisten“ und konnte vor ideengeschichtlichem Hintergrund (Werz) hilfreiche begriffliche Klärungen zum Verständnis von Heimat/Nation bzw.Transnationalismus/Weltbürgertum in den Traditionen verschiedener Länder bzw. Regionen einbringen. Mit der Ukraine war zudem ein Krisen-Hotspot auch der identitären Verortung (national, konfessionell, zwischen EU und Russischem „Imperium“) Gegenstand der lebendigen interkulturellen Diskussion. Turiy plädierte leidenschaftlich für den immer neuen Versuch, in einer „Identitätspolitik“ „Anderssein und Dazugehören“ aus der geschichtlichen Tiefendimension heraus zusammenzubringen.
Werz beleuchtete auch die deutsche Migrationsdebatte und verwies auf lange verdrängte Probleme eines De-facto-Einwanderungslandes.

Die Foren (vgl. zu Titeln und Referenten/innen das Programm) verdeutlichten, ForumIMG_3742dass Identitätsbildungen, besonders wenn der ab- oder gar ausgrenzende Aspekt dominiert, oft Teil von Ideologien, von Instrumentalisierungen für wirtschaftliche und politische Interessen sind. Einen Schwerpunkt der Diskussion bildete auch die verstärkte Tendenz „säkularer“ (Entwicklungs-)Politik, sich mit religiösen Akteuren und Autoritäten nicht nur defensiv, sondern konstruktiv, problemlösungsorientiert auseinanderzusetzen.

Die scheinbare Ort- und Zeitlosigkeit von „Identitätenspielen“ der virtuellen Welt, von den Masken der einzelnen User zu den sich mutationsartig verändernden Gruppenbildungen im social networking, wurde im Kontrast zur menschlichen Suche nach „Heimat“/“home“ auch in ihrer Begrenzung und letztlich Endlichkeit thematisiert.
Die wichtigsten Thesenpapiere und Präsentationen der Foren werden auf unserer Homepage dokumentiert (/Publikationen).

Die Jahresakademie als Fest: Preisverleihung, Ausstellung, Musik und Liturgie

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Preisübergabe durch Prof. Dr. Peter Hünermann an Misheck Masamvu

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Prof. Dr. Ulrich Engel OP, Sebastian Hosu, Misheck Masamvu und Dr. Marko Kuhn

Der diesjährige (5.) Preis der „KAAD-Stiftung Peter Hünermann“ ging an den Maler Misheck Masamvu aus Simbabwe und damit zum ersten Mal an einen Künstler. Der KAAD und seine Stiftung hatten daher eine Ausstellung organisiert, bei der – in einer dialogischen Gegenüberstellung – auch der geförderte rumänische Maler Sebastian Hosu mitwirkte. Masamvu wurde vor allem geehrt für seinen innovativen Beitrag zu einer neuen Malerschule in seinem Heimatland und für seine Förderung von Nachwuchstalenten im südlichen Afrika. Dr. Marko Kuhn, Referatsleiter Afrika, würdigte in seiner Laudatio besonders seine Treue zum Heimatland und die Zuwendung gerade zur einfachen Bevölkerung inmitten wirtschaftlich und politisch schwieriger Bedingungen.
Die gemeinsame Ausstellung unter dem Motto „Menschen-Träume“ (vgl. den Flyer und die Ansprache von Prof. Dr. Ulrich Engel OP zur Vernissage) fand am Freitagnachmittag der Akademie ihre biographische Tiefenschärfe durch ein Podiumsgespräch mit den beiden Malern: „Seeing ourselves“ – so sein Titel – thematisierte anschaulich die existenzielle und künstlerische ‚Wanderungsbewegung‘ der Künstler zwischen ihrer Heimat und einem von Europa dominierten Ausbildungs- und Kunstmarkt sowie die identitären Selbst- und Fremdbilder, die dabei entstehen bzw. vorherrschen.

Die Jahresakademie war wieder von einer hohen Partizipation der Stipendiaten/innen auf allen Ebenen geprägt. Die Konzert-Soirée und die liturgischen Teile waren von den Musikstipendiaten/innen vorbereitet worden. Der internationale Folkloreabend zeigte erneut, wie sehr die Jahresakademie ein „work in progress“ ist: erst an den Tagen der Akademie selbst gestalten sich Moderation und Präsentationen der fünf Kontinentalgruppen mit hohem kreativen und schauspielerischem Potenzial, immer das Thema der Identität – „Typisch Ich – typisch Wir“ – vor Augen.

Langendörfer

Internationaler Festgottesdienst zelebriert durch P. Dr. Hans Langendörfer SJ

In einer Begegnung im Gebet wurden Gebete und Lesungen aus den großen Weltreligionen gesprochen. Im Festgottesdienst, der in österlicher Freude und Verbundenheit mit den Kirchen des Ostens am Vortag ihres Ostertermins gefeiert wurde, predigte der Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, P. Dr. Hans Langendörfer, ausgehend von Texten der Apokalypse und des Johannesevangeliums über die „Identität des Österlichen“.