Erinnerungskultur: Umgang mit Vergangenheit und Stereotypen

Vom 11. – 14. März trafen sich 22 Stipendiaten/innen des KAAD aus 16 Ländern unter Leitung des Referatsleiters Osteuropa, Markus Leimbach, in der Bildungsstätte St. Ludgerus in Helmstedt, um gemeinsam über die Erinnerungskultur und den Umgang mit Stereotypen und der Vergangenheit zu diskutieren und sich auszutauschen. Der Verlauf des Seminars zeigte, wie aktuell das Thema ist, was sich an den Diskussionen zu den noch offenen Konflikten in Nagorny Karabagh und Syrien manifestierte.
Fachlich begleitet wurde das Seminar durch den Theologen und Mitglied in der deutschen Kommission Justitia et Pax, Prof. Dr. Heinz-Günther Stobbe, und den Historiker und ehemaligen Geschäftsführer von Renovabis, Dr. Gerhard Albert.

Prof. Dr. Heinz-Günther Stobbe

Prof. Stobbe wies gleich zu Beginn seines Vortrags daraufhin, dass er sich nicht auf das Individuum, sondern auf das kollektive und gesellschaftliche Handeln bezieht. Er spannte in seinem Vortrag den Bogen von Vorurteilen als Ausgangsbasis zum Völkermord, als eine der schlimmsten Auswirkungen, hin zur Aufarbeitung, z.B. durch Wahrheitskommissionen als Voraussetzung für Versöhnung. Ergänzt wurden die theoretischen Ausführungen durch eine Vielzahl an Beispielen aus der deutschen Geschichte und den weltweiten Erfahrungen aus der Arbeit von Justitia et Pax.
Am Beispiel der deutsch-polnischen Versöhnung zeigte Dr. Albert einen Versöhnungsprozess und die damit verbundenen vielen kleinen Schritte und Aktivitäten auf. Nach einem historischen Exkurs zu den Hintergründen des schwierigen deutsch-polnischen Verhältnisses, legte er einen Fokus auf die kirchlichen Aktivitäten. Ausgehend von dem, von den polnischen Bischöfen initiierten, Briefwechsel der deutschen und polnischen Bischöfe während des Zweiten Vatikanischen Konzils stellte er die Aktivitäten von Pax Christi, des Maximilian-Kolbe-Werks und der Unterstützung während der Kriegsrechtzeit Anfang der 80er Jahre in Polen dar, immer wieder verbunden auch mit den parallelen politischen Aktivitäten. Wichtig in dem Versöhnungsprozess waren eine Vielzahl an Gesten, wie Briefwechsel, Sühnewallfahrt von Pax Christi, Kniefall von Willi Brandt, Solidarität während der Kriegsrechtszeit und die Umarmung von Kohl und Mazowiecki nach dem Mauerfall.

Drei Teilnehmervorträge rundeten den thematischen Teil ab. Tea Novakovich informierte zum Stand der Versöhnung im ehemaligen Jugoslawien, die auch 20 Jahre nach Ende des Krieges noch notwendig ist. Vardan Aslanyan, Gohar Hakobyan und Gunel Babayeva stellten den ungelösten Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um Nagorny Karabagh und die verschiedenen Wahrnehmungen dazu vor. Suada Bilal und Hussam Elias brachten uns die unterschiedlichen Sichtweisen zur Situation in Syrien und die Möglichkeiten einer zukünftigen Versöhnung nahe.
Gerade die Teilnehmerbeiträge und die damit verbundenen Diskussionen, aus zum Teil konträren und persönlich betroffenen Perspektiven, zeigten die Schwierigkeiten in Versöhnungsprozessen und der Aufarbeitung von Konflikten auf. Einmal mehr bewiesen die KAAD-Stipendiaten ihre Offenheit und Toleranz im Umgang mit konträren Meinungen und führten einen sachorientierten Dialog.

Jeweils am Anfang der Tage stand eine gemeinsame Morgenmeditation, die von Sr. Stephanie Sangalang und Eduard Fiedler gestaltet wurden. Mit der örtlichen Gemeinde und dem Pfarrer Dr. Kafuti wurde ein gemeinsamer Gottesdienst gefeiert. Abgerundet wurde das Programm mit einem Besuch in dem Museum „Paläon“, welches an Hand der ältesten bisher gefundenen Jagdwaffen, den 300.000 Jahre alten „Schöninger Speeren“, die Zeit unserer Vorfahren darstellt.