Jahresakademie 2019

Gruppe neuer Stipendiaten und Stipendiatinnen vor dem Besuch der Geschäftsstelle

„Entwicklung“: der Begriff und die Praxis

Diese 33. Jahresakademie des KAAD führte vom 25. bis 28. April 2019 in Bonn 206 Stipendiaten/innen und 71 Gäste aus 47 Ländern zu einem interkulturellen, interreligiösen und interdisziplinären Dialog zusammen, in dessen Mittelpunkt als Fortführung und Vertiefung der Jubiläumsveranstaltungen des Vorjahres eine Analyse herrschender Entwicklungsdiskurse, aber auch von „Good-Practice“-Beispielen stand, im Horizont einer anzustrebenden „ganzheitlichen“ Entwicklung.

Bringt uns Entwicklungszusammenarbeit einer „gemeinsamen Zukunft in einer gerechten Welt“ (so das Motto des KAAD-Jubiläumsjahrs 2018) näher? Der Begriff „Entwicklung“ und einige der Konzepte, die mit ihm eng verknüpft werden, sind keineswegs klar und einheitlich im Verständnis von „Gebern“ und „Nehmern“ bzw. Partnern aus verschiedenen Kulturkreisen. Die Wirksamkeit von Entwicklungsprojekten, für die „westliche“ Geber pro Jahr immerhin ca. 120 Milliarden Euro einsetzen, wird in wissenschaftlichen Studien durchaus ambivalent bewertet, vor allem im Blick auf ihre Interessengebundenheit und (mangelnde) Weitsicht.

Lässt sich aber Entwicklung als positive Veränderung auf Zukunft hin überhaupt angemessen quantifizieren, wie es ja auch die „Sustainable Development Goals“ (SDG, eine Selbstverpflichtung der Internationalen Gemeinschaft bis 2030) vorsehen? Welche Rolle spielt dabei wirtschaftliches Wachstum und seine „Werte“? Ist damit nicht eine einlinige „Laufrichtung“ der vermeintlich „Einen Welt“ vorgezeichnet, die es angesichts offensichtlicher (ökologischer) Grenzen eher neu zu justieren, gar umzukehren gilt? Vor diesem Fragehorizont analysierten und diskutierten Wissenschaftler/innen und Fachleute in fünf Foren die Leitbegriffe: „Fluchtursachenbekämpfung“, „Hilfe“ (versus „Partizipation“), „Transformation“, „Nachhaltigkeit“ und, in der Fokussierung auf die Personelle EZ, „Change agents“ (vgl. das Programm).

Podiumsdiskussion mit Vertretern und Vertreterinnen der Foren

Eine Podiums- und Plenumsdiskussion, die die Ergebnisse der Foren zusammenführte, machte deutlich, dass bei jeder Form von Entwicklungshilfe eine langfristig gedachte Teilhabe im Blick sein müsse, die kulturell sensibel und „passend“ agieren, also Eigenständigkeit der Partner respektieren und stärken sollte. Bei den Fragen zu Nachhaltigkeit und Wachstumsgrenzen war eine Skepsis gegnüber Modellen einer „Green Economy“ spürbar. Soziale und ökologische Transformationen sollten ein gleiches Maß und einen parallelen Schritt finden. Mit Blick auf die unübersichtlichen politischen Rahmenbedingungen auch für die Entwicklungszusammenarbeit wurden dennoch neue Chancen für Allianzen sowohl gegen partikularisierende wie totalisierende Ideologie- und Machttendenzen gesehen.

Diskussion nach dem Vortrag von Prof. Dr. Markus Vogt (l.) mit KAAD Präsident Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff

Der Festvortrag des Sozialethikers Prof. Dr. Markus Vogt (LMU München) thematisierte, ausgehend von der Prämisse eines Endes des „westlichen“ Entwicklungsparadigmas, einen den SDG inhärenten Konflikt zwischen ökologischen und sozialen Zielen und rekonstruierte die Begriffsbildung zu „ganzheitlicher Entwicklung“ in der katholischen Soziallehre und Weltkirche anhand der päpstlichen Enzykliken bis zu „Laudato si`“ (2015), wo Wachstum auch als Prinzip problematisiert werde. Vogt plädierte für eine „transformative Wissenschaft und Kirche“, die sich aus geschlossenen Räumen herausbewegen und Teil einer „mutigen kulturellen Revolution“ (Veritatis Gaudium) werden sollten. Dies gelte besonders auch für das Wirken des KAAD und seiner Alumni.

Als internationales Stipendienwerk der deutschen Katholiken ist er durch die Förderung von Persönlichkeiten und Netzwerkbildung nicht nur Teil des Entwicklungsetats von Kirche und Staat. „Ganzheitlich“ orientierte Förderung hat sich auch daran bewährt, wie die Stipendiatinnen und Stipendiaten als „Verantwortungseliten“ Entwicklungsprozesse mitgestalten und dabei Spielräume nutzen und schaffen, in denen Menschen sich entfalten können.

Die wichtigsten Präsentationen bzw. Vorträge der Akademie werden in Kürze auf unserer Homepage dokumentiert (www.kaad.de/Publikationen).

Ehrungen, Musik und Liturgie: Die Jahresakademie als kommunitäres Ereignis und Fest

Preisübergabe der „KAAD-Stiftung Peter Hünermann“ an den Alumniverein „MyanKAAD“

Der diesjährige (8.) Preis der „KAAD-Stiftung Peter Hünermann“ ging an die myanmaresische Alumnivereinigung „MyanKAAD“ und damit erstmals nicht an eine Einzelpersönlichkeit. Der Verein ist Frucht einer schon 2001 begonnenen Kooperation des KAAD mit der Bischofskonferenz des Landes, der Diözese Regensburg (als maßgeblich die Stipendien außerhalb Deutschlands finanzierend) und der katholischen ABAC-Universität in Bangkok. Eine Delegation von Alumni und Vertretern der Kirche (darunter der Generalvikar von Yangoon, Msgr. Saw Francis) war zusammen mit dem Beauftragten des Bistums Regensburg, Gregor Tautz, zur Akademie und Preisverleihung angereist. Der Referatsleiter Asien, Dr. Heinrich Geiger, der das Programm von Anfang an aufgebaut und begleitet hat, und der Generalvikar würdigten den von Claudia Api vorgestellten Verein als wichtigen kirchlichen und zivilgesellschaftlichen Akteur in einer für die Katholiken starken Minderheitensituation und einer rasant sich wandelnden und von ethnisch-religiösen Konflikten heimgesuchten Gesellschaft.

Überreichung der Festschrift an Dr. Hermann Weber durch Dr. Thomas Krüggeler

Die Preisübergabe war eingebettet in eine festliche musikalische Soirée mit Musikbeiträgen aus der (ost-)europäischen Tradition sowie einer Performance mit einem traditionellen Xylophon aus Ghana. In diesem Rahmen wurde auch die Festschrift „Bildung und Wissenschaft im Horizont von Interkulturalität“ zum 60. Geburtstag von Dr. Hermann Weber vorgestellt und überreicht. Sie enthält interdisziplinäre Beiträge zu einem vertieften Verständnis von Interkulturalität, die auch die Arbeit des KAAD weiterdenken, wie der des Ehrenpräsidenten Prof. Dr. Peter Hünermann, an dessen Verdienste anlässlich seines 90. Geburtstags im März auf der Akademie mehrfach erinnert wurde.

Musikalische Soirée

Beim Internationalen Festgottesdienst betonte der Bischöfliche Beauftragte für den KAAD, Weihbischof Wilfried Theising (Vechta) in seiner Predigt die persönliche/personale Seite von „Entwicklung“  am Beispiel der ersten Auferstehungszeugen und –zeuginnen, besonders des Petrus. In einer „Begegnung im Gebet“ am Vortag wurden Gebete und Lesungen aus verschiedenen christlichen Konfessionen und den großen Weltreligionen gesprochen und gesungen. Die Jahresakademie war so von einer hohen Partizipation der Stipendiaten/innen auf allen Ebenen geprägt. Die musikalische Soirée und die liturgischen Teile wurden von (Musik-)Stipendiaten/innen bzw. Alumni, insbesondere aus Osteuropa, in einem Workshop vorbereitet. Der internationale Folkloreabend zeigte erneut, wie sehr die Veranstaltung ein „work in progress“ ist: erst an den Tagen der Akademie selbst gestalten sich Moderation und Präsentationen der fünf Kontinentalgruppen mit viel kreativem und schauspielerischem Potenzial.

Internationaler Festgottesdienst mit Weihbischof Theising

Die Akademie hat in ihrem Resonanzraum auch den eigenen interdisziplinären Reichtum des KAAD „zum Klingen“ gebracht. Ihre für eine global ausgerichtete (Entwicklungs-)Politik besonders relevante Fragestellung wird in unseren „Fachgruppen“ von den Stipendiaten/innen z. T. bereits seit Jahren bearbeitet. Diese trafen sich am 28. April im Anschluss zu ihren jeweiligen internen Kolloquien.