Sprache(n): Identitätspolitik und Sprachbiographien

Sprache als ein universales Medium ist das, was alle Menschen eint – sind sie doch alle Sprecher einer bzw. mehrerer Sprachen. Gleichzeitig ist Sprache mehr als ein bloßes Medium. Sie ist dasjenige, durch das der Mensch die Welt erschließt, dasjenige, wodurch er sie versteht, sich einen Zugang zu ihr ermöglicht. – Sprache prägt das in-der-Welt-Sein des Menschen grundlegend. Sprache ist dasjenige, womit der Mensch sich selbst erzählt und womit er die Beziehung zu seinen Mitmenschen gestaltet. Sprache kann Ursache von Kriegen sein, indem sie entweder als Mittel der Anheizung fungiert oder – etwa durch die Unterdrückung einer Sprache in einem Land – als Gegenstand des Konfliktes selbst wahrgenommen wird. So sind mit dem Phänomen der Sprache verschiedene Dimensionen, beispielsweise philosophische, politische, religiöse verknüpft.

Vor diesem Hintergrund trafen sich 23 KAAD-Stipendiatinnen und Stipendiaten aus 17 Ländern vom 30.06. bis 03.07.2019 im St. Jakobushaus in der UNESCO-Weltkulturerbe-Stadt Goslar, um sich (unter der Leitung von Dr. Nora Kalbarczyk und P. Prof. Dr. Ulrich Engel OP) gemeinsam dem Thema „Sprache(n): Identitätspolitik und Sprachbiographien“ zu widmen.

Um die biographische Dimension der Sprache zu verstehen, fand – nach der Eröffnung durch Akademiereferent André Kreye – zu Beginn des ersten Seminartages ein Workshop mit dem Titel „Sprachbiographien: Sprache und Identität“ statt. Hier machten sich die Teilnehmenden engagiert Gedanken über das Konzept der ‚Muttersprache‘, ihre kulturelle Prägung und das Verhältnis von Mehrheits- und Minderheitensprachen in ihren Ländern. Sie stellten sich gegenseitig ihre Sprachen vor, diskutierten über die Frage einer Verknüpfung von Verhaltensweisen mit bestimmten Sprachstrukturen sowie über die (Un)-Übersetzbarkeit von spezifischen Begriffen von einem kulturellen Kontext in einen anderen. Sprache als ein Element zur Konstruktion von nationalen Identitäten war ebenfalls ein wichtiger Aspekt der Gespräche.

Ein zweiter Teil des Seminars widmete sich der begrifflichen Klärung von ‚Sprache‘ aus einer sprachphilosophischen Perspektive. In seinem Vortrag „Sprachphilosophie: Vom Missverstehen und anderen sprachlichen Malheuren“ führte Prof. Dr. Benjamin Schnieder (Theoretische Philosophie, Universität Hamburg, s. Foto links) in die Thematik ein, gab den Teilnehmenden einen Überblick über die verschiedenen philosophischen Zugänge zum Phänomen der Sprache und verdeutlichte anhand vieler Beispiele die kommunikative Bedeutung des Verstehens und Missverstehens.
Die bereits im sprachbiographischen Workshop angesprochene politische Dimension von Sprache wurde im dritten Teil des Seminars vertieft: Der Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Hajo Diekmannshenke (Institut für Germanistik, Universität Koblenz-Landau) analysierte in seinem Vortrag „Sprache-Bild-Kommunikate in der Politik: Die sprachliche und visuelle Inszenierung von Heimat und Fremdheit im politischen Diskurs“ die Sprache und Bildsprache in der Politik und gab den Teilnehmenden damit einen Einblick, wie Sprache zur Bildung von Heimatbegriffen und kollektiven Identitäten in Deutschland gebraucht (und leider auch missbraucht) wird.

Die Analyse politischer Bildsprache konnte bei der anschließenden Führung durch die Kaiserpfalz Goslar, jahrhundertelang ein Zentrum politischer Macht, direkt geübt und angewandt werden. Die politische Dimension von Sprache wurde im Anschluss im Vortrag der Germanistin und KAAD-Stipendiatin Dr. Svitlana Kiyko aus einer anderen Perspektive vertieft: In ihrem Vortrag „Sprachenpolitik in der Ukraine“ setzte sie sich mit der Situation der ukrainischen und der russischen Sprache in der Ukraine auseinander. Ihrem Vortrag ging eine Einführung des syrischen KAAD-Stipendiaten Milad Ayoub über Sprachenrechte von sprachlichen Minderheiten aus Sicht der Vereinten Nationen voran. Die Sprachwissenschaftlerin und KAAD-Stipendiatin Francisca Odero führte anschließend in ihrem Vortrag „Mehrsprachigkeit als lingua franca in Kenia“ sehr anschaulich in die neueren sprachlichen Entwicklungen Kenias ein.

Zum Abschluss des Seminars erwartete die Seminarteilnehmenden noch eine zugleich unterhaltsame und lehrreiche Stadtführung, die das Seminar in vielfacher Hinsicht thematisch abrundete. Insgesamt, so kann festgehalten werden, hat das Seminar einen kleinen Vorgeschmack auf das Thema der Jahresakademie 2020 gegeben.