Sexualität und Geschlechterrollen in Deutschland: eine interkulturelle Sensibilisierung

Das Seminar „Sexualität und Geschlechterrollen in Deutschland: eine interkulturelle Sensibilisierung“ bot den Stipendiatinnen und Stipendiaten des KAAD die Möglichkeit, ihre eigenen, alltäglichen Erfahrungen mit dem Thema zu formulieren und zu reflektieren. Um die „interkulturelle Sensibilisierung“ ermöglichen zu können, wurde zunächst ein historischer Überblick über das Verständnis von Sexualität und Geschlechterrollen anhand von Bildern gegeben. Die Archäologin und Kunstwissenschaftlerin Gisela Michel referierte unter dem Obertitel „Nackt ist nicht gleich nackt“ zur „Bildgeschichte des nackten Körpers im europäischen Kulturraum“ und zeigte dabei auf, dass es zwischen einer „situativen“ und einer „symbolischen“ Nacktheit zu unterscheiden gilt. Deutlich wurde dabei, dass der hochsexualisierte Blick der Gegenwart in der Begegnung mit geschichtlichen Beispielen häufig ins Leere läuft. Zu unterscheiden ist zwischen 1. Privatheit und Öffentlichkeit bei der Darstellung von nackter Körperlichkeit und 2. dessen Bild zwischen Tabu und sexueller Botschaft.

Im Rahmen des Seminars, das vom 07. bis 10.11.2019 in Münster, Leitung: Dr. Heinrich Geiger, geistliche Begleitung: Pater Prof. Thomas Eggensperger OP, stattfand, zeigte sich, dass bei der Auseinandersetzung mit dem Thema der Sexualität und der Geschlechterrollen nur eine genaue Analyse weiterhilft. Allein diese ermöglicht ein Verständnis und einen Blick auf das ihm zugrundeliegende Menschenbild, die jeweiligen Normen bzw. die relevanten, gesellschaftlichen Gruppen und Institutionen sowie ihres normativen Umgangs mit dem Eros. Die Darstellung von Sexualität und Geschlechterrollen hat eine lange Tradition, in deren Geschichte das Tabu eine wirkmächtige Größe darstellt. Tabus sind nicht identisch mit Verboten. Letztere sind weitestgehend diskutierbar und rational begründet, zumeist auch verschriftlicht. Tabus dagegen funktionieren prinzipiell unausgesprochen, sie stehen außerhalb jeder Diskussion, sind schon früh mit der Erziehung internalisiert worden. Sie sind getragen von moralischer oder auch religiöser Scheu. So wurde auch das Thema von „Körperlichkeit, Sexualität und Kirche“ im Rahmen eines Kamingesprächs mit Weihbischof em. Dieter Geerlings, Münster diskutiert. Interessanterweise kam es genau in diesem Gespräch zu einer emotional geführten Diskussion, die sich um die Schöpfungsordnung und aktuelle Themen wie das der Homosexualität drehte. Der Weihbischof stellte sich auch kritischen Anfragen aus dem Kreis der 24 KAAD-Stipendiaten/innen, die eine in ihren Augen alttestamentarisch begründete, traditionelle Position vertraten.

Dank des Vortrags der Psychologin Ada Borkenhagen wurde es am zweiten Tag des Seminars nochmals klar, dass es in der Gegenwart bei der Zurschaustellung des menschlichen Körpers auch um Identität, Selbstausdruck geht. Der Körper ist mehr als eine physische Realität. Grundlegende Figur der Selbstdarstellung in der medialen Gegenwarts-Öffentlichkeit ist die Person, die sich in einem Raum realisiert, in dem die einzelnen sind und sein wollen, was sie darstellen. Zentrales Medium dieser Selbstdarstellung ist der Körper, der oftmals nackt gezeigt wird. Was er darstellt, ist ein Image, eine Imago, die über das hinausgeht, was er ist – und nicht einfach nur ein Objekt sexualisierter Vorstellungsgehalte. Das Seminar, das eine Exkursion nach Münster einschloss, wurde von den Teilnehmern/innen bestens evaluiert.