KAAD-Kontak-KMKI-Seminar Der religiöse Radikalismus als Herausforderung für Indonesien und das Christentum: Maßnahmen und Strategien in Ciawi, Bogor/Indonesien

Das Seminar KAAD-Kontak-KMKI mit 72 Teilnehmenden fand auf der Insel Java in dem kleinen Bergressort The Village, unweit von Jakarta vom 22. – 25. November 2019 statt. Trotz der Thematik des religiösen Radikalismus, der das alltägliche Leben der indonesischen Christen bedroht, zeigte sich in den Vorträgen und in der Diskussion eine Grundhaltung, die vor allem von der Bereitschaft zum Dialog getragen ist. Viele Javaner sind Meister darin, über eine lange Zeit ein kultiviertes Gespräch führen zu können, ohne auf einen bestimmten Punkt zu sprechen zu kommen. Dinge, die unangenehm oder auch, wie im Falle des religiösen Radikalismus, bedrohlich sind, werden nicht direkt ausgesprochen; das Gespräch wird behutsam darauf gelenkt. Hat man den Eindruck, dass der andere sowieso schon verstanden hat, was man eigentlich sagen möchte, so braucht man unter Umständen das peinliche Problem überhaupt nicht zu erwähnen. Dies hat mit der Erfahrung des Göttlichen zu tun. Der Javaner weigert sich, wie der Hauptreferent des Seminars, der Jesuitenpater Franz von Magnis-Suseno, in seinem Beitrag hervorhob, äußere Formen zu verabsolutieren. Im Wedatama, einem der schönsten javanischen Lehrgedichte aus dem letzten Jahrhundert, ist das äußere Beten nur die erste von vier Stufen des Eins-Werdens mit Gott, die „Aufopferung des  Körpers“. Die wahre Einheit wird erst in der vierten Stufe erreicht, der „Aufopferung des Fühlens“. Ziel ist das Göttliche selbst.

Indonesien gilt vor diesem Hintergrund als moderat religiös. Doch trifft das zu? Wie der Verlauf des Seminars zeigte, übersehen die Menschen auf Java nicht einfach die Probleme, die sich in Indonesien mittlerweile eingestellt haben. Der südostasiatische Inselstaat ist das Land mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt: 87 Prozent der Bevölkerung (ca. 260 Millionen Einwohner) sind islamischen Glaubens; damit leben hier mehr Muslime als im ganzen Nahen Osten zusammen. Lange galt das Land als Vorzeigebeispiel für die Vereinbarkeit von Islam und Demokratie. Doch der gelebte Pluralismus steht seit Jahren unter Druck. Liberalismus, Säkularismus und auch Pluralismus wurden bereits 2005 durch eine Fatwa des obersten islamischen Rats des Landes für “haram“, also verboten, erklärt. Angesichts dieser Entwicklungen hat sich bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Seminars das Bewusstsein herausgebildet, sich endlich zu Wort melden und dem Verstummen einer kritischen Öffentlichkeit ein Ende setzen zu müssen – dies trotz ihrer toleranten, in religiösen Fragen sehr auf Ausgleich bedachten Grundhaltung.

Für die Courage und zivilgesellschaftliche Kompetenz der mehr als 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer spricht, dass sie die Inhalte des Seminars in einem Plädoyer für die Einhaltung der fünf Prinzipien der Pancasila zusammenfassten und mit diesem an die Öffentlichkeit gingen („Glaube an Gott den Einen; Achtung vor dem Menschen in Gerechtigkeit und Kultiviertheit; Einheit Indonesiens; Volksherrschaft, geleitet durch die Weisheit gemeinsamer Beratung/Vertretung; soziale Gerechtigkeit für das ganze indonesische Volk.“). Schon am Tag nach dem Ende des Seminars, am 25. November 2019, wurde im Fernsehen ein Bericht über das Seminar von KAAD-Kontak-KMKI präsentiert. Eine große Öffentlichkeit konnte auf diese Weise erfahren, mit welchen Strategien religiösem Radikalismus zu begegnen ist. Pancasila bedeutet Toleranz – und genau an dieser fehlt es.

Die Verurteilungen wegen Blasphemie sind immer zahlreicher geworden. Nationale Menschenrechtsorganisationen geben für die Jahre zwischen 1965 und 2003 noch weniger als zehn Fälle an, von 2004 bis 2014, unter der Präsidentschaft Susilo Bambang Yudhoyonos, waren es dann 89. Und seit dem Machtantritt Joko Widodos ist es nicht besser geworden. Widodo selbst ist im Gegensatz zu seinem Vorgänger islamistischer Tendenzen unverdächtig. Nach Jahren des Zusehens hat er jetzt die Initiative ergriffen. Als ein erster Schritt in die richtige Richtung darf seine Maßnahme gelten, zunächst zu definieren, was Radikalismus ist. Darf es als „radikal“ gelten, wenn Christen höhere Positionen im staatlichen Dienst verwehrt bleiben? Darf es als radikal gelten, wenn in Schulbüchern Christen als „Ungläubige“ tituliert werden, und demgemäß Schulkinder mit der entsprechenden Vorprägung auf christliche Kirchen blicken, die dann oft auch zum Ziel von Brandschatzung, Vandalismus und Zerstörung werden? Ein weiterer Referent, Pater Simon Petrus, hob hervor, dass dieser Radikalismus in Indonesien ein muslimisches Problem ist.

Trotz der allgemeinen Tendenz zur Fundamentalisierung gibt es jedoch in Indonesien nach wie vor viele moderate Muslime, allerdings mit eingeschränktem Handlungsspielraum. Islamische Gelehrte, unter ihnen Ulil Abshar Abdalla und Hamzeh Sahal, die als Referenten zum Seminar eingeladen waren, werben in den sozialen Medien für Toleranz. Ihre Beiträge zeigten, dass es für sie ganz selbstverständlich ist, wenn sich Muslime und Christen im Gespräch begegnen und sich miteinander über die gesellschaftliche Funktion von Religion austauschen. Für einen Javaner fällt Religion mehr in die Kategorie des Weges als des Zieles. Ziel ist das Eins-Werden mit dem Göttlichen, die Erfahrung seiner Nähe, die sich in innerer und äußerer Stimmigkeit manifestiert. Der älteste Teilnehmer des Seminars, der 85-jährige ehemalige KAAD-Stipendiat und Begründer von KMKI, Liem Thian Hwie (jetzt Bundiantara), stellte demgemäß mit großer Überzeugung fest, dass KAAD-Kontak-KAAD-Seminare aus einem großen Gefühl und nicht aus einem kleinlichen, auf Konfrontation angelegten Geist leben. Das Seminar in Ciawi, Bogor darf als Beweis hierfür gelten.