Kommt und seht – Die Gastfreundschaft als Grundvoraussetzung des Interreligiösen Dialogs

Vom 26. – 29. November 2019 fand im universitären Kongresszentrum von Ohrid/Nordmazedonien eine Alumni–Konferenz statt. Neben Alumni des KAAD aus Bulgarien, Nordmazedonien, Serbien und Ungarn sowie Mitgliedern der Fachgruppe „Religion im Dialog“ aus China, Kolumbien und dem Iran waren der Generalsekretär Dr. Hermann Weber und der Referatsleiter Osteuropa Markus Leimbach dabei. Vorbereitet wurde die Konferenz von Pfr. Prof. Dr. Milan Dordevic von der theologischen Fakultät in Skopje.
In seinem Einführungsvortrag entfaltete Dr. Hermann Weber  begriffliche Zugänge zum Fremden. Ausgehend von psychoanalytischen und theologischen Ansätzen diskutierte er die postmoderne Begriffsbildung und Metaphorik („Wurzellosigkeit“ etc.) kritisch und zog Schlussfolgerungen für die Arbeit des KAAD im Rahmen der internationalen Bildungsmigration.

Der serbische Wissenschaftler Davor Dzalto ging in seinem Vortrag näher auf das Thema Flüchtlinge im Kontext von Gastfreundschaft ein. Beginnend mit der Frage, warum Flüchtlinge ihr Land verlassen, wies er darauf hin, dass dies ein natürlicher Vorgang sei, der seit den letzten Jahrhunderten kontinuierlich stattfinde. In unserer heutigen Zeit werde dies jedoch zu sehr als Bedrohung wahrgenommen. Auch einzelne Kirchenvertreter würden auf den populistischen Zug aufspringen und schürten die Angst vor Flüchtlingen, während andere Gruppen, vor allem Privatpersonen, oftmals Flüchtlinge unterstützten. Er konstatierte eine allgemein vorherrschende Angst vor dem Fremden und vertrat die Meinung, dass man bei der Hilfe für Flüchtlinge realistisch in Bezug auf mögliche Gefahren vorgehen solle. Nicht nur die unkonditionierte Aufnahme sei wichtig, sondern vor allem auch die  Fluchtursachenbekämpfung.

Der bedeutende Byzanzforscher Professor Georgi Kapriev von der Universität in Sofia/Bulgarien setzte in seinem Vortrag bei der historischen Dialogkonstellation des Theologen Anselm von Havelberg im Konstantinopel des 12. Jahrhunderts an. Dieser definiert Toleranz als eine Tugend (beider Dialogpartner), sodass Gastfreundschaft und Toleranz für ihn Ansätze zu einem interreligiösen Dialog wurden.
Der hellenistische Ansatz der Gastfreundschaft findet sich auch im Judentum wieder, wie die ungarische Judaistin Ilona Urban ausführte. Aktiv Gäste suchen und nicht auf die Gäste warten, vorbereitet sein, Gäste zu empfangen, all dies ehre den Gastgeber. Es komme nicht darauf an, wer als Gast komme, sondern dass ein Gast komme. Die Einladungspraxis, Gäste zum Sabbatmahl willkommen zu heißen, wird heute weitergeführt.

Der islamische Theologe Dr. Heydar Shadi ging näher auf die Gastfreundschaft im Islam ein, stellte (im Anschluss an Heidegger) den Begriff des ontologischen Wohnens bzw. der ontologischen Obdachlosigkeit in den Mittelpunkt und bezog die Tradition des Sufismus ein. Nur wer ein Zuhause habe (sowohl physisch wie auch psychisch), könne ein Gastgeber sein. So könne wahre Gastfreundschaft letztlich nur durch eine religiöse Erfahrung möglich werden, die heute aber häufig fehle.

Lingchang Gui stellte die Aussage von Jacques Derrida: „dem Gast ist die Gastfreundschaft zunächst selber fremd“ an den Anfang seiner Ausführungen über  Gastfreundschaft im asiatischen Kontext. Diese ist in Ostasien keine einseitige Entscheidung. Sie ist Teil der moralischen Ordnung und der historischen Tradition. In der ostasiatischen Kultur gibt es kein Außen („das Fremde“), daher müssen beide Seiten die Rituale (ein-)üben. Vor allem in der chinesischen Tradition ist die Vorbestimmung bzw. das Schicksal Teil der Gastfreundschaft. Der Begriff „Yuanfen“ (affirmatives Schicksal) beschreibt dieses traditionelle Verhalten, welches auch heute noch von etwa 70% aller Studenten in China akzeptiert wird.

Professor Dr. Carlos Gómez (Bogotá, Universidad del Rosario) stellte in seinem Vortrag den Schamanismus der indigenen Völker im Amazonasgebiet vor. Die Schamanen sind sowohl Ärzte als auch politische Führer und geistliche Betreuer, wobei die geistliche Betreuung in dieser erforschten Gruppe auch auf einem christlichen Glauben beruht. Gastfreundschaft ist hier ein grundsätzliches und natürliches Element des Umgangs miteinander. Die interkulturelle Hermeneutik ist für den Forscher ein wichtiges Element, um den Schamanen und seine Position im gesellschaftlichen Beziehungsgefüge verstehen zu können.

Zum Abschluss richtete der Gastgeber, Professor Milan Dordevic, im Rahmen einer historischen Analyse der interreligiösen Dialogpraxis in Nordmazedonien einen kritischen Blick auch auf das Verhalten der orthodoxen Kirche. Diese sei bei Veranstaltungen immer nur Gast, da sie selber kaum etwas organisiere oder zu Veranstaltungen einlade. In der jetzigen Zeit des Umbruchs bestehe aber die Notwendigkeit, dass die Religionsgemeinschaften, besonders auch die Kirche, durch eine wechselseitige Gastfreundschaft den Boden für einen fruchtbaren Dialog, der jeweils intrinsisch motiviert sei, bereiten.

Insgesamt hat das Fachkolloquium gezeigt, dass Gastfreundschaft in allen Religionen und Kulturen eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Zusammenleben spielt. Die durchaus auch kontroversen Diskussionen kreisten (zusammenfassend) um eine religiös begründete („absolute“) Gastfreundschaft in Spannung zu (verantwortungsethischen) Regulierungen und Begrenzungen, z. B. von Migrationsbewegungen. Die Verwurzelung in Gott zeigte sich als tiefster Grund der Überwindung von abgrenzenden Identitätsbildungen. Anders als bei einem „bunten“ Nebeneinander („diversity“) führt dies aber zum Versuch eines radikalen dialogischen Fremdverstehens, das auch den Wahrheitsanspruch des Anderen anerkennt und dem die je aus den Traditionen der beteiligten Religionen heraus begründete gastfreundliche Auf- und Annahme vorausgeht.

Neben dem Fachkolloquium gab es Gelegenheiten zu Gesprächen mit dem orthodoxen Erzbischof Stefan in Skopje (im Bild), dem orthodoxen Bischof von Ohrid und den katholischen Pfarrern dieser beiden Orte sowie mit der theologischen Fakultät in Skopje. Beeindruckend war die Vielfalt und zugleich Fülle der orthodoxen Kirchen. Ein besonderes Erlebnis bildete der Besuch im Mutter-Teresa-Haus in Skopje.