Jugendprotest: Politische und soziale Partizipation im digitalen Zeitalter

Obwohl gültige Pandemie-Beschränkungen nur zwölf Stipendiatinnen und Stipendiaten aus neun Ländern die Teilnahme an diesem Seminar in der Katholischen Akademie St. Jakobushaus in Goslar (12.-14. Juli 2020) erlaubten, tat dies dem lebhaften Austausch keinen Abbruch. Die Leitung der Veranstaltung lag in den Händen von Dr. Thomas Krüggeler und P. Prof. Dr. Thomas Eggensperger OP.

Internet und Digitalisierung haben die Möglichkeiten der politischen Partizipation und des Protests junger Menschen erheblich erweitert und die Organisation politischen Handelns weitreichend verändert. Damit sind Chancen (z.B. die erleichterte Kommunikation) und Risiken (z.B. Manipulation von Information) verbunden. Allerdings ersetzt der Hashtag trotz aller digitaler Möglichkeiten noch längst nicht das Megaphon. Marcus Spittler vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (Abteilung Demokratie und Demokratisierung) ging in seinem Hauptvortrag besonders auf die Verbindung von Jugendprotest in der digitalen und nicht-digitalen Welt ein. Themen der Umwelt- oder Frauenbewegungen genau wie populistische Anliegen können in der digitalen Welt entwickelt und debattiert werden, doch ihre öffentliche Wirksamkeit hängt von der Übertragung ihrer Inhalte in klassischen Medien wie Zeitungen und Fernsehen ab. „Der öffentliche Raum, insbesondere der urbane Raum, ist (noch immer) die zentrale Arena, um Unzufriedenheit auszudrücken“, so Spittler. Die bei diesen Protesten entstehenden Bilder ebnen den unverzichtbaren Weg in die Fernsehnachrichten. Dies gilt für die Demokratie-Bewegung in Honkong genauso wie für die Friday-for-Future-Proteste in Europa.

Referate von Teilnehmerinnen und Teilnehmern zeigten, dass autoritäre Regime zwar durchaus erfolgreich politische Partizipation im Internet stören und erschweren können, doch finden junge Experten Wege, Algorithmen auszumanövrieren und ausländische Server für ihre Dienste zu nutzen. Ein ägyptischer Aktivist des arabischen Frühlings wurde 2011 mit der Aussage zitiert „We use Facebook to schedule the protest, Twitter to coordinate, and You Tube to tell the world.“
Ein ungelöstes Problem bleibt aber in demokratischen Systemen die Vermittlung zwischen digitalem Aktivismus und einem politischen System, das auf dem Mitwirken in politischen Parteien und demokratischen Institutionen beruht. Hier müssen Netzaktivisten und politische Systeme Wege entwickeln, sich einander anzunähern.

Eine historisch sehr informative Führung durch die berühmte Kaiserpfalz und das historische Zentrum von Goslar rundeten ein intensiv geführtes und gelungenes Seminar ab, bei dem die Teilnehmenden auch das gesellige Miteinander in Mitten der Corona-Krise genossen.