Afrikanische Identität: Heimat, Zugehörigkeit und Zusammengehörigkeit – KAAD Afrika-Seminar in Weingarten, 30.11. – 03.12.2020

Die Frage nach Identität(en) und deren Bedeutung ist für den KAAD und seine „community“ von besonderer Bedeutung. Dieses Mal wurde sie mit dem Fokus auf Afrika betrachtet und unter dem Eindruck der besorgniserregenden Ereignisse in Äthiopien („Tigray-Konflikt“). Die besondere Gefahr von Identitätsfragen liegt in Tendenzen der Abgrenzung und der ethnischen Gewalt. Diese hat sich weltweit wie auf dem afrikanischen Kontinent durch die Globalisierungstendenzen nicht etwa entspannt, sondern noch deutlich verschärft. Auf vielen Ebenen – den akademischen wie privaten, den regionalen wie nationalen – ist das Thema des Seminars also aktueller denn je. In Afrika kommt dabei besonders zum Tragen, dass die jungen 54 Nationalstaaten mit in den meisten Fällen willkürlich durch Kolonialherren gezogenen Staatsgrenzen leben müssen und doch multi-ethnische Gesellschaften beherbergen. Wie sich diese Fakten in konstruktive Übereinstimmung bringen lassen und wie es sich mit einer „afrikanischen Identität“ nicht nur in der Diaspora sondern auch auf dem Kontinent verhält war Inhalt vieler Erörterungen in Weingarten.

Vorbereitet und geleitet wurde das Seminar von Dr. Marko Kuhn und Miriam Rossmerkel für den KAAD und Dr. Heike Wagner für die Akademie der Diözese Rottenburg Stuttgart.

Wie vieles in dieser Zeit stand natürlich auch dieses Ereignis unter dem Einfluss der coronabedingten Einschränkungen. Die Kath. Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart war bei diesem Seminar Gastgeberin und Mitveranstalterin. Sie hat für ihre Tagungshäuser ein starkes Hygiene-Konzept erarbeitet, welches während des ganzen Seminars einzuhalten war (z.B. durchgehende Maskenpflicht, Abstand im Tagungssaal, beim Essen etc.). Zusätzlich kamen auf diesem KAAD-Seminar zum ersten Mal Corona-Schnelltests zum Einsatz (zu Beginn und während des Seminars), welche eine zusätzliche Sicherheit zum Schutz vor Infektion gaben.

So konnten 25 Stipendiat/innen aus 8 Ländern im Tagungshaus und 10 weitere über einen Online-Zugang (Zoom) teilnehmen. Diese hybride Form der Tagung war (zumindest in der Bildungsarbeit) eine Premiere beim KAAD und wurde von den Teilnehmer/innen trotz einiger technischer Probleme sehr positiv beurteilt.

Am Anfang des Programms stand ein Workshop, der den Teilnehmenden half, auf ein ganz persönliches Level der Identitätsfindung zu stoßen – als Persönlichkeiten und als internationale Studierende in Deutschland, auch im Lichte der oft von außen zugeschriebenen Gruppenzugehörigkeiten. Die Leitung des Workshops hatte Frau Flavie Singirankabo aus Stuttgart, die als systemischer Coach viel Erfahrung mit der Arbeit zu Wachstums- und Entwicklungsprozessen hat und der das Nachdenken über Identitätsfragen auf den Leib geschneidert war.

Am zweiten Tag nahmen zwei Vorträge von Dr. Pradeep Chakkarath (Sozialtheorie und Sozialpsychologie, Universität Bochum) und Prof. Dr. Günther Schlee (Sozialanthropologe, vormals Max-Plack-Institut, Halle/Saale) das Thema wieder auf und führten es auf der akademischen Schiene weiter. Chakkarath konzentrierte sich auf einer globaleren Ebene auf kulturelle Identitätsformung aus der kulturpsychologischen Perspektive, während Schlee sich danach auf Gesellschaften Afrikas konzentrierte und über die dort wichtigen zahlreichen Faktoren von Zugehörigkeit und Zusammengehörigkeit referierte. Abgerundet wurde das Thema durch Vorträge der Teilnehmenden über Identitäten und Identitätspolitik in den Heimatländern, hier vertreten durch Kenia, Tansania, Uganda, Äthiopien, Nigeria, Gambia, Ghana und Simbabwe. Diese Beiträge der Teilnehmer/innen gaben Anlass zu sehr lebendigen Diskussionen und laut den Aussagen der Teilnehmer/innen zu vielfältigen Lern- und Erkenntnisprozessen, vor allem über die Konstruktion und Konstruiertheit von Identitäten auf den Ebenen von ethnischen Gruppen, Familien, Clans und Nationen. Die Faktoren Sprache/Dialekt, aber auch Essen, Kleidung und Traditionen wurden auf ihre Rolle in der Identitätsbildung abgeklopft. Gegenstand der Debatte war auch, welche Wichtigkeit für die Psyche und das eigene Wohlbefinden diese Identitäten haben, die letztendlich doch „nur“ ein soziales Konstrukt sind, das zusammenschweißen, aber auch schmerzlich teilen kann. Betont wurde weiterhin, wie situationsabhängig Identitätsbildung ist und wie eine nationale oder eine „afrikanischen Identität“ oft besonders in einer „Diaspora“-Situation wahrgenommen wird, in der sich die Stipendiaten des KAAD ja temporär befinden. Ein weiteres spezielles Augenmerk wurde hier in der Diskussion folglich auf regionale Integrationsprozesse in Afrika und die pan-afrikanische Idee gelegt, sowie auf Sprache als bedeutendem Identitätsmarker, was die Suche nach einer lingua franca in verschiedenen Regionen des Kontinents besonders deutlich macht.

Das Seminar klang am dritten Tag mit einem Ausflug an den Bodensee aus, einem Kennenlernen der dortigen verschiedenen Identitätsrealismen der angrenzenden drei Länder und einem Einblick in Leben und Wirtschaften dieser Gegend. In der barocken Wallfahrtskirche St. Maria (Basilika) auf der Birnau konnten die Teilnehmer gemeinsam Gottesdienst feiern und zur Ruhe kommen.