Between Crisis and Hope: Reconstructing Cultural Heritage in the Middle East Webseminar 10.12.2020

Das materielle kulturelle Erbe ist in den Ländern des Nahen Ostens einer beständigen Gefahr durch Krisen und Kriege ausgesetzt. Viele unserer Stipendiaten/innen, Alumni und Partner beschäftigen sich in ihren Studienfächern bzw. in ihren Berufen mit der Pflege, dem Erhalt oder dem Wiederaufbau von Baudenkmälern. Ziel der Veranstaltung war es, diese Expertise unseres Netzwerkes nun erstmalig zu bündeln und zudem Perspektiven aus unterschiedlichen Bereichen vorzustellen. Das Besondere an diesem von Dr. Nora Kalbarczyk und Santra Sontowski geleitetem Webseminar „Between Crisis and Hope: Reconstructing Cultural Heritage in the Middle East“ war, dass es sich bei den 52 Teilnehmenden um Stipendiaten/innen und Alumni verschiedener Programme handelte, die aus unterschiedlichen Ländern zugeschaltet waren: Darunter befanden sich in Deutschland studierende Stipendiaten/innen aus dem Nahen Osten genauso wie in Jordanien und im Libanon studierende Stipendiaten/innen bzw. Alumni aus dem Drittland- sowie dem Sur Place-Stipendienprogramm. Das Länderspektrum umfasste die Schwerpunktländer (Ägypten, Libanon, Jordanien, Palästina, Syrien) sowie den Irak.

Zunächst wurde die Veranstaltung durch einen spirituellen Impuls von P. Dr. Jules Boutros aus unserem libanesischen Partnergremium eröffnet – der Impuls beschäftigte sich ausgehend vom Heiligen Josef mit der Bedeutung von Träumen für unser spirituelles und weltliches Leben. Anschließend gab es eine kleine Einführung in den KAAD, um alle Teilnehmenden – ob neue Stipendiaten/innen oder Alumni – auf denselben Stand zu bringen.

Der erste Vortrag mit dem Titel „Rebuilding Beirut, Rebuilding Hope“ wurde von Dr. Ziad Fahed gehalten, Mitglied unseres libanesischen Partnergremiums und Direktor des University Mission Office an der Universität Notre Dame Louaize im Libanon sowie Gründer der NGO Dialogue for Life and Reconciliation (DLR). Der in Frankreich promovierte und dann in den Libanon zurückgekehrte Dr. Fahed zeigte auf, wieviel der Einzelne in Gemeinschaft trotz aller widrigen und oftmals prekären Umstände für das Wohlergehen seiner Mitmenschen zu leisten imstande ist. Die verheerende Explosion, die am 4. August 2020 einen großen Teil Beiruts zerstörte, etliche Menschenleben forderte und viele Einwohner Beiruts obdachlos und traumatisiert zurückließ, traf den Libanon inmitten einer wirtschaftlichen und politischen Krise von ungekanntem Ausmaß. Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen im Libanon engagieren sich viele Ehrenamtliche in der Organisation DLR, deren eigentliches Anliegen die Förderung des friedlichen Zusammenlebens zwischen den vielen Religionsgemeinschaften im Libanon ist, nun beim Wiederaufbau zerstörter Wohnungen bedürftiger Menschen. Es ist das Bestreben, das Land nicht jenen zu überlassen, die es an den Abgrund geführt haben, sondern stattdessen selbst für Veränderung und für eine „Zivilisation der Liebe, der Solidarität und der Hoffnung“ einzutreten.

Im zweiten Vortrag „Safeguarding Cultural Heritage in Times of Crisis. The Activities of ArcHerNet (Archaeological Heritage Network) and the Stunde Null Projects” stellte die ehemalige KAAD-Stipendiatin Dr. Nathalie Kallas das sogenannte „Stunde Null“-Projekt des Deutschen Archäologischen Instituts und des Archaeological Heritage Network vor, dessen Projektleiterin sie ist. Der ursprünglich aus dem militärischen Fachjargon stammende Begriff „Stunde Null“, der später zur Beschreibung Deutschlands nach dem Ende des 2. Weltkriegs benutzt wurde, beschreibt in diesem Kontext die Situation von kulturellem Erbe in Kriegsgebieten nach dem Ende der Kriegshandlungen. Das Projekt setzt sich auf verschiedenen Ebenen dafür ein, lokale Stakeholder in ihren Bemühungen, materielles und immaterielles kulturelles Erbe zu pflegen und zu erhalten, zu stärken. Eine Ebene beispielsweise sind Weiterbildungskurse für Architekten, Archäologen, Denkmalpfleger, Bauforscher, Stadtplaner und vor allem Handwerker zur Vertiefung technischen Wissens. Auf einer weiteren Ebene werden u.a. Buchprojekte zur Weitergabe von immateriellem Kulturgut wie Märchen gefördert.

Die Gespräche nach den Vorträgen waren sehr lebendig, anschließend fand ein Austausch in Kleingruppen statt. Es wurde angedacht, eine Fachgruppe zu dem Bereich Architektur und Raumplanung bzw. Cultural Heritage zu gründen. So kann festgehalten werden, dass dieses Seminar sowohl hinsichtlich des Formats als auch hinsichtlich des Themas ein besonderes Zeichen gesetzt hat.