KAAD-Latino-Seminar vom 15. bis 18. Juli: Universität und Zivilgesellschaft in Lateinamerika

Das Seminar, das vom 15. bis 18. Juli im Ludwig-Windthorst-Haus in Lingen (Ems) stattfand und an dem 21 Stipendiaten/innen aus sieben Ländern teilnahmen, wies zwei Besonderheiten auf: Zum einen war es das erste persönliche Zusammentreffen der lateinamerikanischen KAAD-Gruppe seit dem Frühjahr 2019. Entsprechend groß war die Freude, die zahlreichen neuen Stipendiatinnen und Stipendiaten in die Gruppe integrieren zu können und Pläne für das zukünftige Zusammenwirken zu machen. Zum anderen konnten erstmals die während der Pandemie reichlich gesammelten Erfahrungen virtueller Begegnungen in die Durchführung des Seminars integriert werden. Die digitale Teilnahme von drei Referenten und einer Referentin aus Lateinamerika – allesamt Alumni, die mittlerweile Karriere an Universitäten ihrer Heimatländer gemacht haben – ermöglichte die Vernetzung der Stipendiatengruppe in Deutschland mit den KAAD-Strukturen in Lateinamerika. Hier zeichneten sich wertvolle neue Kooperationsformen und Möglichkeiten der Intensivierung unserer internationalen Netzwerkarbeit ab.

Prof. Dr. Carlos Miguel Gómez (Universidad del Rosario, Bogotá, Kolumbien) zeichnete in seinem einführenden Vortrag ein eher kritisches Bild von der Gegenwart des lateinamerikanischen Universitätswesens. Er warnte davor, dass privatwirtschaftliche Interessen das grundlegende Anliegen der Universität, nämlich die freie Wissensproduktion und -vermittlung, zurückdrängen und die Universität so daran hindern könnten, Problemlösungen für die großen globalen Krisen der Gegenwart zu erarbeiten. Er forderte Studierende und Lehrende dazu auf, die Universität und ihre zentralen Aufgaben „zurückzuerobern“. Die Beiträge von Prof. Dr. Draiton de Souza (Pontificia Universidade do Rio Grande do Sul, Porto Alegre, Brasilien) und Prof. Dr. Álvaro Ezcurra (Pontificia Universidad Católica del Perú, Lima) waren eher praxisorientiert und zeichneten die Prozesse ihrer Hochschulen nach, das Universitätswesen durch Investitionen in die Infrastruktur der Universität und Fortbildung der Lehrenden an internationale Universitätsstandards heranzuführen. Während Prof. Gómez um den Einfluss der Wissenschaftswelt auf die Zivilgesellschaften bangte, versuchten seine Kollegen aus Brasilien und Peru anhand konkreter Beispiele zu beleuchten, wie die Hochschulen den direkten Kontakt mit den Zivilgesellschaften suchen (Journalistenausbildung, Katastrophenschutz; juristischer Beistand für marginalisierte Gruppen etc.).

Melissa Lemus García M.A. von der Jesuiten-Universität Rafaél Landívar (Guatemala), einer eher regional agierenden Hochschule, skizzierte die Bemühungen der Universität, eine hochwertige Ausbildung auch in den Provinzen des Landes (regionale Campus) anzubieten und eine regionale Internationalisierung (besonders mit Mexico) über das jesuitische Netzwerk AUSJAL voranzubringen.

Im Zuge der Bemühungen der Internationalisierung und des Austausches von lateinamerikanischen Universitäten auf transkontinentaler Ebene kommt dem Ibero-Amerikanischen Institut Preußischer Kulturbesitz (Berlin) eine wichtige Aufgabe zu. Seine Direktorin, Prof. Dr. Barbara Göbel, bot den Teilnehmenden einen faszinierenden Vortrag zur Wissensproduktion, -zirkulation und zu Wissensasymmetrien, besonders in Bezug auf die Arbeit zwischen lateinamerikanischen Hochschulen und Wissenschaftler/innen und ihrem Institut. Prof. Göbel hob in diesem Zusammenhang die wichtige Rolle des KAAD bei der Förderung von in Deutschland ausgebildeten lateinamerikanischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern für die Gestaltung des internationalen Austausches hervor.

Die Teilnehmenden des Seminars sparten nicht mit Kritik an der Entwicklung des lateinamerikanischen Universitätswesens. Sie gaben zu bedenken, dass Qualitätsverbesserung und Internationalisierung zur Exklusion vieler Studierender aus weniger wohlhabenden Gesellschaftsschichten führen, wenn solche Bemühungen hauptsächlich über erhöhte Studiengebühren finanziert werden. Sie erachteten allerdings den direkten Austausch mit Wissenschaftlerinnen und wissenschaftlern aus Deutschland und Lateinamerika als Bereicherung. Das Seminar führte ihnen die Herausforderungen vor Augen, mit denen sie sich als zukünftige Hochschuldozentinnen und -dozenten konfrontiert sehen werden.