Wirtschaft im Nahen Osten – Zwischen Krisen und Chancen

Die Länder des Nahen Ostens sind von extremer wirtschaftlicher Ungleichheit geprägt: Auf der einen Seite ölreiche Monarchien am Golf, die das höchste Pro-Kopf-Einkommen weltweit aufweisen, auf der anderen Seite Länder, in denen fast die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebt. Nicht erst seit dem ‚Arabischen Frühling‘ geben die ökonomischen Verhältnisse in vielen Ländern Anlass zu Protest. Um diese Zusammenhänge besser zu verstehen, fanden sich vom 2. bis zum 5. November 21 KAAD Stipendiatinnen und Stipendiaten im Haus Venusberg in Bonn zum Seminar „Wirtschaft im Nahen Osten – Zwischen Krisen und Chancen“ zusammen. Durch das Seminar führten der Leiter des Referats Naher Osten, Dr. Christoph Schwarz, und die Referentin Naher Osten, Santra Sontowski. Die geistliche Begleitung übernahm P. Prof. Dr. Thomas Eggensperger OP.

Das Seminar begann am Dienstagabend mit einer ersten Vorstellungsrunde nach dem Abendessen. Nach dem Geistlichen Morgenimpuls am Mittwoch nahmen die Teilnehmenden die inhaltliche Arbeit auf, für die sie sich zunächst in Kleingruppen über die wirtschaftliche Situation in ihren Herkunftsgesellschaften austauschten. Dabei wurde insbesondere darüber diskutiert, mit welchen Chancen und Strategien junge Menschen auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen können. Im Plenum wurden gewisse Ähnlichkeiten zwischen den Gesellschaften des Nahen Ostens und anderen Ländern des Globalen Südens und Osteuropas festgestellt, etwa bezüglich der Themen Korruption, Klientelismus und Intransparenz. Vor diesem Hintergrund erschien auch der Status von Bildung etwas ambivalent: „Viele Arbeitgeber in Afrika wollen keine Promovierten“, stellte etwa eine Teilnehmerin fest, „denn gut gebildete Leute sind ihnen oftmals geistig zu unabhängig, sie kennen ihre Rechte und werden sie vielleicht auch einfordern.“ Andere betonten jedoch die Chancen, die in einer vertieften und internationalen Bildung für die wirtschaftliche Innovation in den Herkunftsländern liegen.

Die Seminarteilnehmenden im Bonner „Haus der Geschichte“

Bei einer Führung durch das Haus der Geschichte in Bonn hatten die Teilnehmenden am Nachmittag Gelegenheit, sich mit Deutschlands Entwicklung seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges auseinanderzusetzen. Im Fokus standen dabei der Marshall-Plan und das Wirtschaftswunder, doch auch spätere Phasen, insbesondere seit dem Mauerfall, wurden wirtschaftshistorisch und mit vielen interessanten Exponaten behandelt.

Nach der Rückkehr zum Haus Venusberg fand sich die Gruppe dann für einen Vortrag per Zoom ein: Prof. Dr. Udo Steinbach (Direktor des MENA Study Centre am Maecenata-Institut) zeichnete die Entwicklung der deutschen Außenpolitik im Verhältnis zu den Ländern des Nahen Ostens nach. In einem anschließenden Austausch wurde vor allem auf die gegenwärtigen Veränderungen in diesem Verhältnis eingegangen, auf mögliche Chancen und Entwicklungsperspektiven.

Stadtführung „Das neue Bonn“

Am folgenden Tag fanden sich  die Teilnehmenden nach dem Geistlichen Morgenimpuls zu einer Stadtführung durch das ehemalige politische Zentrum der Bundesrepublik zusammen. Unter dem Titel „Das neue Bonn: Von der Hauptstadt zum Internationalen Zentrum“ erfuhren sie in zwei getrennten Gruppen auf Deutsch und auf Englisch mehr über die Hintergründe und die Entwicklung der Bonner Republik, etwa das Parlament im Wasserwerk sowie die Umnutzung vieler Gebäude seit dem Umzug der Hauptstadt nach Berlin.

Nach der Rückkehr zum Haus Venusberg am Nachmittag stellte die Wirtschaftswissenschaftlerin Prof. Dr. Amirah El Haddad (Universität Kairo; Senior Fellow am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik) in ihrem Vortrag „Redefining the Social Contract in the Wake of the Arab Spring“ ihre jüngste Forschung vor. Theoretisch bezog sie sich dabei auf das Konzept des Gesellschaftsvertrags, den sie in unterschiedlichen Ausprägungen und bezüglich der impliziten Normvorstellungen und wirtschaftspolitischen Chancen und Probleme diskutierte. In Gruppenarbeit versuchten die Teilnehmenden dann zunächst, den Sozialvertrag in ihrer jeweiligen Herkunftsregion zu rekonstruieren. Ausgehend von diesen Erfahrungen analysierte Prof. El Haddad dann die Ursprünge und Veränderungen des jeweiligen social contract in Ägypten, Marokko und Tunesien.

Die Gruppe vor dem alten Wasserwerk in Bonn, das von 1986-1992 als Plenarsaal des Deutschen Bundestags diente

Nach einem gemeinsamen Gottesdienst, zu dem die Teilnehmenden Lieder und Gebete aus ihren jeweiligen Herkunftsgesellschaften beitrugen, fanden sich alle zu einem fröhlichen Abschlussabend ein.