Tourismus und Nachhaltigkeit in Afrika – KAAD-Seminar in Münster, 06. – 09.12.2021

Die Corona-Krise hat weltweit verheerende Folgen in verschiedensten Bereichen verursacht. Auch die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus in afrikanischen Ländern wurde durch die Pandemie deutlich, denn Millionen von Arbeitsplätzen und damit verbundene Einkommensquellen gingen verloren. Auch und vor allem in den Schwerpunktländern des KAAD (Tansania, Kenia, Uganda, Ghana, Äthiopien und Simbabwe) ist der Tourismus ein mächtiger Wirtschaftsfaktor, die entsprechende Infrastruktur ist gut entwickelt. In vielen Ländern trieb der Tourismus in den vergangenen Jahren sogar das Wirtschaftswachstum an und brachte so die dringend benötigten Devisen. Für die lokale Bevölkerung ist es zudem sehr viel einfacher, an einem durch Tourismus induzierten Aufschwung teilzuhaben, als etwa durch den Technologiesektor oder den Bergbau. Dass dennoch ein großer Teil der Gewinne bei Tourismusunternehmen aus dem globalen Norden bleibt, ist jedoch ein Problem. Eine weithin propagierte Lösung zur Vermeidung der einseitigen Gewinne findet sich in der Gründung kleiner lokaler Unternehmen, die die Besucher auf umweltfreundliche Weise an örtlichen Naturräumen teilhaben lassen („Ecotourism“). So soll „nachhaltiger Tourismus für nachhaltige Entwicklung“ erreicht werden. Um diesen Themenkomplex zu beleuchten und zu diskutieren, trafen sich beim Seminar „Tourismus und Nachhaltigkeit in Afrika“  in Münster 30 Stipendiatinnen und Stipendiaten aus zehn Ländern. Neben Teilnehmenden aus afrikanischen Ländern (inklusive Ägypten) nahmen auch Stipendiaten aus Vietnam sowie ein deutscher Stipendiat des Cusanuswerks teil. Vorbereitet und geleitet wurde das Seminar von dem Referatsleiter Afrika, Dr. Marko Kuhn und der Referentin für Afrika, Fernanda Hulverscheidt Fagundes. Kooperationspartner war Dr. Christian Müller für die Akademie Franz-Hitze-Haus in Münster.

Zur Erörterung ökonomischer Fragen und nachhaltiger Entwicklung stand Prof. Dr. Rainer Hartmann (Hochschule Bremen) den Seminarteilnehmenden zur Verfügung. Er knüpfte in einem Vortrag an Ergebnisse einer Gruppenarbeit zu diesem Thema an und ging auf eine anschließende Diskussion ein.

Die sozio-kulturellen Implikationen des Tourismus stellte die KAAD-Alumna Dr. Rosemary Jaji dar, die an der University of Zimbabwe in Harare lehrt und zur Zeit am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik in Bonn forscht. Ihr Vortrag trug den Titel „Afrikanische Gastgeber und ihre touristischen Gäste – anthropologische und kulturelle Erwägungen“ und beschäftigte sich vor allem mit dem „Kulturtourismus“, bei dem häufig auch die koloniale Vergangenheit Afrikas und die entsprechenden menschlichen Beziehungen eine schwierige bzw. unheilvolle Rolle spielen. Auch in den dritten Vortrag spielte die koloniale/neo-koloniale Frage hinein, weil es um den Schutz der berühmten Wildtier-Bestände in verschiedenen afrikanischen Ländern ging. Dass diese ein großer Schatz sind, wurde ja vor allem von Europäern definiert. Während sie auf Großwildjagd auf dem afrikanischen Kontinent gingen, war diese den Einheimischen durch koloniale Verwaltungen streng verboten. Später traten die Europäer dann als Retter dieser Bestände („Serengeti darf nicht sterben“) und Naturschützer (in Tansania etwa in Gestalt der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt und ihrer bekannten Protagonisten) auf. Seit dem Ende der Kolonialzeit wird diese Faszination vom internationalen – vor allem aus Europa kommenden – Tourismus weitergetragen, während aufgrund der wachsenden Bevölkerung die Räume für Landwirtschaft und Siedlungen jedoch immer dringender für die Menschen benötigt werden. In vielen Ländern wie etwa Simbabwe, Kenia oder Tansania sind aber riesige Flächen für Schutzgebiete (Nationalparks, Reservate) reserviert. Vor allem am mitten im urbanen Siedlungsgebiet gelegenen Nairobi Nationalpark wird diese Problematik sehr deutlich. Zu dieser komplexen Thematik konnte die Ökologin und Wildlife-Expertin Noreen Mutoro, Doktorandin an der Universität Salzburg, berichten. Ihr Vortrag „Was Tourismus in Afrika mit Naturschutz und Ökologie zu tun hat“ löste eine besonders lebhafte Diskussion aus.

Fragen, die die Teilnehmer übergreifend und durchgängig beschäftigten, waren:  Kann Tourismus zu einer wirksamen und positiven Begegnung von Menschen verschiedener Kulturen beitragen? Kann er Verständnis und Erkenntnis fördern? Steht der Ressourcenverbrauch des Tourismus in einem gesunden Verhältnis zu den monetären Gewinnen? Ist der Naturschutz von Wild-Reservaten ohne Tourismus möglich? Ab welchem Punkt „kippt“ der Nutzen für die Wildtiere durch die Übernutzung von Schutzgebieten? Funktioniert „Ecotourism“ in großem Stil oder wird er ein Nischenprodukt des Marktes bleiben? Welchen Tourismus kann ein Land (wie z. B. Äthiopien) ohne Küsten für Badeurlauber oder der Möglichkeit zu Safari-Touren flächendeckend anbieten? Eine Frage tauchte in jeder Diskussion auf und wird Afrika auch in Zukunft viel beschäftigen: Wie wichtig sind Naturschutz und der Schutz von Wildtieren für die Einheimischen selbst und wie wird sich der sog. „lokale Tourismus“ in Zukunft entwickeln?

Neben den drei Haupt-Vorträgen gab es auch zehn kurze Präsentationen der Teilnehmenden über Tourismus in ihren Heimatländern Ägypten, Äthiopien, Gambia, Ghana, Kenia, Tansania, Uganda, Simbabwe, Vietnam und Deutschland.

Der Ausflug zum Münsteraner Weihnachtsmarkt bot die Gelegenheit, die Liebfrauen-Überwasserkirche zu besuchen, in der eine faszinierende Kunstinstallation mit dem Titel „LUX³ LICHT DER WELT“ zu sehen war. Auf dem „AndersAdvent“ – dem global-solidarischen Adventsmarkt im Rahmen der Adveniat-Weihnachtsaktion im Bistum Münster – konnten die Teilnehmenden außerdem syrisches Manakish genießen und sich entweder bei einem Salsa-Tanzkurs oder Glühwein warm halten. Noch mehr weihnachtliche Stimmung brachte außerdem das Wichteln („Secret Santa“), bei dem die Gruppe untereinander viele schöne und einfallsreiche Geschenke austauschte sowie ein adventlicher Abend mit Plätzchen und Erzählrunde über die jeweiligen Weihnachtstraditionen in den Heimatländern der Stipendiatinnen und Stipendiaten.