Rhetoriken der Entfremdung. Gegenwärtige Prozesse interreligiöser Koexistenz in Asien, KAAD-Seminar in Münster, 14.–17.2.2022

Die politische Instrumentalisierung religiöser Vielfalt gehört, auch in Zeiten der Pandemie, zur erlebten Realität, speziell dann, wenn sie sich mit ethnischen Identifikationen verbindet. Vom 14. bis zum 17.2.2022 trafen sich daher 19 KAAD-Stipendiatinnen und Stipendiaten im Franz Hitze Haus in Münster zum Seminar „Rhetoriken der Entfremdung. Gegenwärtige Prozesse interreligiöser Koexistenz in Asien“ unter der Leitung von PD Dr. Esther-Maria Guggenmos. Die Freude über die persönliche Begegnung bei den hauptsächlich aus Asien stammenden Teilnehmenden war groß, zumal das letzte Asien-Seminar bereits im Herbst 2020 stattgefunden hatte.

Die Beschäftigung mit interreligiösen Prozessen in Asien stieß bei allen Teilnehmenden auf großes Interesse. Den Einführungsvortrag hielt Prof. Imtiyaz Yusuf (International Islamic University Malaysia), der aus Kuala Lumpur zugeschaltet war, zum Thema „Islam and Buddhism Relations in Contemporary Southeast Asia“. Dabei faszinierten insbesondere das breite religionsspezifische Südostasienwissen des islamischen Theologen Imtiyaz Yusuf sowie seine außergewöhnliche Spezialisierung auf die Begegnung mit dem Buddhismus. Am Nachmittag befasste sich die Gruppe mit länderspezifischen Eigenheiten von Interreligiosität, wobei sich deutlich herausstellte, dass das religiöse Leben und seine politischen Verflechtungen im südostasiatischen Raum regional sehr verschieden sind. Auch hier wurde deutlich: Das religiöse Leben und seine politischen Verflechtungen sind im südostasiatischen Raum regional sehr verschieden. Religionsspezifisches Wissen, das sich auf Südasien bezieht, gehört in Asien nicht zum Grundwissen, das beispielsweise im Rahmen der Schulbildung vermittelt wird. Für die Teilnehmenden war es faszinierend zu sehen, wie sich die Situation in Indonesien, Thailand, Vietnam und auf den Philippinen, aber auch in anderen Ländern wie Kambodscha, Ecuador oder Uganda darstellt. Religiöse Vielfalt kann, muss aber keineswegs Konfliktpotenzial bergen, sondern gehört zur bereichernden Alltagserfahrung vieler Teilnehmenden. Woher kommen dann aber die immer häufiger werdenden Extremismen und Polarisierungen, wo es doch für die meisten Menschen in der Region selbstverständlich ist, andere Religionen im Alltag anzuerkennen und folglich ein pluralistisch-theologischer Ansatz aus dieser Alltagserfahrung heraus keineswegs fremd scheint?

Am dritten Seminartag lag der Fokus auf der Situation in Myanmar. Die verfassungsrechtliche Situation der Religionspolitik Myanmars brachte Dr. Madlen Krüger (FEST Heidelberg) in ihrem Vortrag auf den Punkt. Prof. Perry Schmidt-Leukel, der zusammen mit Madlen Krüger ein DFG-Projekt zu religiöser Vielfalt in Myanmar durchgeführt hat („Religious Pluralism in Discourse“, 2014–2021), bettete diese in die Forschungen des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster ein.

Vor dem Hintergrund, dass der Westfälische Friede von 1648 den Dreißigjährigen Krieg beendete und damit religionspolitische Konflikte erfolgreich beruhigen konnte, bot sich eine Exkursion in den Friedenssaal in Münster an, in dem ein Teil der Friedensverträge geschlossen wurde. Die Überlagerung religiöser, politischer und ethnischer Fragestellungen wurde auch hier deutlich und zugleich wurde klar, wie mühsam, aber doch zentral eine engagierte Friedensarbeit ist und wie wertvoll religionsübergreifendes Wissen und ein selbstverständliches, gutes interreligiöses Miteinander sind. Letzteres, so wurde im Laufe des Seminars immer wieder deutlich, muss aber gerade unter den Bedingungen der Globalisierung aktiv bewahrt werden – durch Bildung, konkretes Engagement und institutionelle Einbindung. An den gemeinsamen Abenden, beim Gebet mit Pater Altus Jebada SVD und durch die Exkursion in die Innenstadt wurde die wertvolle KAAD-Gemeinschaft wieder besonders erfahrbar.