Babu Thaliath (Indien)

Wuppertal, im Jahr 2017.

Wissenschaft und insbesondere Naturwissenschaft entstehen nicht im leeren Raum, sondern sind von kulturellen Erkenntnisprämissen geprägt. Wer könnte diese Eckpfeiler einer europäischen Kulturgrammatik, die den Primat der „exact sciences“ und damit den weltweiten Siegeszug naturwissenschaftlicher Forschung begründet, besser in den Blick nehmen, als jemand, der in seinen ersten Studienjahren frühe Meriten im Bauingenieurswesen erwarb (B. Tech. 1988, Kerala). Ein sich daraus ergebendes Interesse an Raumwissenschaften und Ästhetik führte Babu Thaliath über ein Deutschstudium (M. A. 1994, New Delhi) tief in die Geschichte der modernen Philosophie, ihrer epistemologischen Grundlegung in Kants Transzendentalismus und der Ästhetik Baumgartens bis hin in die aktuellen Forschungsgebiete der untrennbaren Verwiesenheit körperlicher und geistiger Erfahrung.

Thaliath, heute im Schnittfeld von Germanistik und Philosophie Professor in Neu Delhi an der Jawaharlal Nehru Universität, promovierte von 1999 bis 2002 bei Prof. Klaus Jacobi an der Universität Freiburg als Stipendiat des KAAD im Fach Philosophie zum Thema „Perspektivierung als Modalität der Symbolisierung. Erwin Panofskys Unternehmung zur Ausweitung und Präzisierung des Symbolisierungsprozesses in der Philosophie der symbolischen Formen von Ernst Cassirer“ (Würzburg 2005). Mentor, inspirierender Gesprächspartner und Lehrer im besten Sinne des Wortes war in dieser Promotionszeit, in den Jahren danach und ist bis heute Professor Gottfried Boehm. In Einzelgesprächen und im Rahmen des Postgraduiertenkolloquiums an der Kunsthistorischen Fakultät der Universität Basel durfte Thaliath sich intellektuell entwickeln, aber auch in seinen Forschungsprojekten konkret gefördert wissen.

Podium zur Jubiläumsakademie am 25. April 2008 mit Alumni aus fünf Jahrzehnten KAAD-Geschichte (v.l.n.r.: A. Pires, S. Lerner, H. Weber (Moderator), Kh. Daibes, Ok-Bun Lee, B. Thaliath).

Seine Lehr- und Wanderjahre nach der Promotion führten Thaliath dann zu weiteren bekannten Orten der Wissenschaftsphilosophie in Europa: Bei einem kurzen Forschungsstipendium im Jahr 2007 wiederum über den KAAD erwies sich Prof. Dominik Perler, Lehrstuhlinhaber für Theoretische Philosophie, Berlin (HU), als Mentor und sollte auch in den kommenden Jahren Thaliaths Lebensweg mitbestimmen. Kurz darauf förderte für weitere zweieinhalb Jahre die Gerda-Henkel-Stiftung Thaliaths Forschungen im Verbund zwischen dem schon bekannten Berlin und der Cambridge University bei dem inzwischen verstorbenen Prof. John Forrester und Prof. Hasok Chang am Department of History and Philosophy of Science (2009-2012). Im Kontext des BMBF-geförderten Käte Hamburger Kollegs Morphomata in Köln setzte Thaliath im Jahr 2016 seine Forschungen mit einem neuen Fokus auf der phänomenologisch-biographischen Dimension von Erinnerung und Erkenntnis fort.

Der KAAD hat den Lebensweg von Babu Thaliath nachhaltig geprägt. In unvergesslicher Erinnerung ist ihm der intellektuelle Austausch zu Promotionszeiten im Rahmen einer Romfahrt im Heiligen Jahr 2000 mit unserem Generalsekretär, Dr. Hermann Weber. Kennzeichnend ist aber vor allem, wie sich über die Jahre Thaliaths Thesen von punktuellen Faszinationen, wie der Arbeit am Begriff der „strukturellen Intuition“ nach Martin Kemp, der als epistemologisches Werkzeug zur Analyse wissenschaftsgeschichtlicher Grundphänomene gefasst werden kann, hin zu einer umfassenden Kontextualisierung der Entstehung der modernen Wissenschaften (Wissenschaft und Kontext in der frühen Neuzeit, Freiburg 2016) formieren konnten.

Auf der Auslandsakademie in Manila 2018

Die Arbeit des KAAD hat etwas Erfüllendes, wenn Forscher wie Professor Thaliath durch sie zu dem wachsen konnten, wofür sie heute in der internationalen Forschergemeinschaft geschätzt werden, und wenn junge Nachwuchstalente im KAAD ihre geistige Heimat finden, international sich weiter vernetzen und in ihrem späteren Berufsleben über den KAAD eine neue junge Generation in ihrem akademischen Weiterkommen beflügeln. Dem KAAD ist es daher eine besondere Freude, dass Prof. Thaliath bereit ist, in der näheren Zukunft mit uns ein kleines Stipendienprogramm für renommierte indische Wissenschaftler zu Kurzaufenthalten in Deutschland aufzubauen.

Esther-Maria Guggenmos