Vom 8. bis zum 11. Juli kamen unter der Leitung von Markus Leimbach elf Stipendiatinnen und Stipendiaten sowie ein Alumnus aus Mittel- und Osteuropa in der Tagungsstätte Thomashof in Karlsruhe zusammen. Ziel war es, zentrale friedensethische Fragestellungen gemeinsam zu reflektieren. Dabei ging es nicht um schnelle Antworten, sondern um das gemeinsame Nachdenken über die Voraussetzungen eines gerechten Friedens inmitten einer konflikthaften Wirklichkeit.
Viele der Teilnehmenden stammen aus Ländern in Mittel- und Osteuropa, in denen militärische Gewalt, territoriale Bedrohung, politische Instabilität oder gesellschaftliche Polarisierung zum Alltag gehören. Krieg ist für sie keine abstrakte Größe, sondern Realität – sei es durch persönliche Fluchterfahrungen, durch bedrohte Angehörige, durch eine militarisierte Öffentlichkeit oder durch die Konfrontation mit moralischen Dilemmata im zivilen Umfeld. Diese unmittelbare Betroffenheit prägte die Auseinandersetzung mit Friedensethik wesentlich. Fragen nach Haltung und Handlungsmöglichkeiten wurden aus der Perspektive konkreter Lebenssituationen gestellt. In der Reflexion trafen individuelle Erfahrungen auf theoretische Konzepte – ein Spannungsfeld, das intensive, teils kontroverse, aber stets dialogisch getragene Diskussionen ermöglichte.
Aus dieser persönlichen Resonanz heraus entstand eine vertiefte Auseinandersetzung mit friedensethischen Konzepten aus Philosophie, Theologie und Politikwissenschaft. Den inhaltlichen Auftakt bildete ein Vortrag von Dr. Markus Patenge von der Deutschen Kommission Justitia et Pax. Er zeichnete zentrale Linien der aktuellen friedensethischen Debatten nach und verwies besonders auf die Spannung zwischen normativen Prinzipien und politischen Realitäten. Diese Spannungen zogen sich durch viele Beiträge und Diskussionen der folgenden Tage.
Ein Perspektivwechsel ergab sich durch eine thematisch gerahmte Stadtführung unter dem Titel „Im Namen des Volkes – Karlsruhe hat gesprochen“, die zu den höchsten Verfassungsorganen der Bundesrepublik führte. Besuche beim Bundesverfassungsgericht, Bundesgerichtshof und der Bundesanwaltschaft eröffneten Raum für die Auseinandersetzung mit den rechtlichen Grundlagen demokratischer Ordnung. Besonders die Wechselbeziehung von Frieden, Sicherheit und Rechtsstaatlichkeit stand dabei im Fokus.
In vier thematisch gerahmten Gesprächsrunden diskutierten die Teilnehmenden zentrale Fragen. Dabei ging es zunächst um die Bedeutung des Rechts für den Frieden und um die Grenzen juristischer Verfahren bei der Bewältigung gesellschaftlicher Konflikte. Es entstand ein differenziertes Bild dessen, was als „Rechtsfrieden“ gelten kann – sowohl als normativer Rahmen als auch als Herausforderung für verantwortliches Handeln. Ebenso wurde die Rolle der Gesellschaft in Konflikten erörtert, insbesondere die Möglichkeiten zivilgesellschaftlichen Engagements bei der Verhinderung wie auch bei der Aufarbeitung von Konflikten. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Rolle der Medien in Kriegen und Konflikten. Diskutiert wurde, wie Berichterstattung öffentliche Wahrnehmung prägt, welche Verantwortung daraus erwächst und wie gezielte Desinformation in Form von „Fake News“ oder „alternativen Fakten“ Einfluss nimmt.
Neben den fachlichen Impulsen bot das Seminar Raum für geistliche Orientierung und persönliche Vergewisserung. P. Prof. Dr. Ulrich Engel OP, geistlicher Beirat des KAAD, begleitete die Gruppe mit theologischen Impulsen und Gesprächsanlässen zu den Themen Frieden, Gerechtigkeit und Glauben. Ergänzt wurde dieses geistliche Angebot durch einen Gottesdienst sowie durch morgendliche Meditationen, gestaltet von Teilnehmenden aus der Ukraine, der Slowakei und Armenien.
Deutlich wurde, dass Friedensethik dort an Tiefe gewinnt, wo sie sich dem Spannungsfeld zwischen biografischer Erfahrung und normativer Orientierung aussetzt.
Frieden denken in Zeiten des Krieges
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Kriege prägen unsere Gegenwart – nicht allein durch militärische Gewalt, sondern auch durch ihre tiefreichenden politischen, sozialen und moralischen Konsequenzen. Vor diesem Hintergrund widmete sich das KAAD-Seminar „Aktuelle friedensethische Herausforderungen“ der Frage, wie Friedensethik angesichts andauernder Gewaltkonflikte heute verantwortungsvoll gedacht und gelebt werden kann.








