Die Frage nach Zugehörigkeit gehört zu den grundlegenden Erfahrungen des Menschen. Sie verbindet das Bedürfnis nach Gemeinschaft, Orientierung und Anerkennung mit Prozessen der Selbst- und Fremdwahrnehmung. Zugleich entstehen viele gesellschaftliche Konflikte dort, wo Identität über Abgrenzung definiert wird. Wer gehört dazu? Wer bleibt außen vor? Und wie lassen sich Gemeinschaften gestalten, ohne neue Ausschlüsse hervorzubringen?
Mit diesen Fragen beschäftigte sich die 39. Jahresakademie des KAAD vom 11. bis 14. Juni 2026 in Bonn, zu der rund 250 Stipendiatinnen und Stipendiaten, Alumni und Alumnae sowie Gäste aus Wissenschaft, Kirche und Gesellschaft aus etwa fünfzig Ländern zusammenkamen.
Dass die Suche nach Zugehörigkeit gegenwärtig in vielen gesellschaftlichen Debatten eine Rolle spielt, machte Weihbischof Dr. Dr. Anton Losinger, Bischöflicher Beauftragter für den KAAD, bereits in seiner Eröffnungsrede deutlich, indem er auf weltweite Polarisierungen und neue Grenzziehungen verwies. Aus christlicher Perspektive dürfe Identität nicht gegen andere definiert werden, denn „…sie entsteht nicht gegen andere, sondern in der Beziehung zu Gott und zum Mitmenschen“. KAAD-Präsident P. Dr. Hans Langendörfer SJ knüpfte daran an und betonte, die Jahresakademie wolle auch analysieren, „wie Ressentiment und Arroganz bis hin zu Destruktivität, Bosheit und unfassbarer Gewalt im Kontext der ab- und ausgrenzenden Selbstidentifikation eine toxische Verbindung eingehen und unsere Gegenwart global beschweren“. KAAD-Generalsekretärin Dr. Nora Kalbarczyk stellte diese Überlegungen in den Kontext der internationalen Bildungsarbeit des KAAD. Die „Suche nach Zugehörigkeit“ gehöre zu den „grundlegenden Erfahrungen des Menschen“, betonte sie, und mache es notwendig, „die Mechanismen von Zugehörigkeit und Ausgrenzung besser zu verstehen“.
Die beiden Eröffnungsvorträge näherten sich diesem Themenkomplex aus unterschiedlichen Perspektiven. Prof. Dr. Barbara Schellhammer, Professorin für Intercultural Social Transformation an der Hochschule für Philosophie München, näherte sich dem Thema aus philosophischer Perspektive. Sie beschrieb Identität als eine fragile Balance zwischen Verankerung und Offenheit. Problematisch werde es sowohl, wenn Menschen jeden Halt verlören, als auch dann, wenn sie sich gegenüber allem Fremden abschotteten. Identität sei „nicht irgendeine Art innerer Kern, der trotz der Veränderungen der Zeit gleich bleibt“, sondern vielmehr „die fragile Einheit ihrer Differenzen“.
Dr. David Kaulem, Dekan der Fakultät für Bildungswissenschaft und Leadership an der Arrupe Jesuit University in Harare, richtete den Blick auf die politische Bedeutung von Identitäten und Zugehörigkeiten. Er warnte davor, ethnische, nationale oder soziale Unterschiede als unveränderliche Gegebenheiten zu verstehen. Viele Menschen betrachteten „soziale Unterschiede wie Ethnien, Nationen, Klassen, Kasten oder gesellschaftliche Rollen als etwas Natürliches, Ewiges oder Unvermeidliches“. Zahlreiche Selbstbilder und die Grenzen zwischen ihnen beruhten auf eben dieser problematischen Vorstellung.
Die Foren des zweiten Akademietages griffen die in den Eröffnungsvorträgen aufgeworfenen Fragen auf und betrachteten sie aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Perspektiven. Die Religionswissenschaftlerin Denise Polaczuk von der Paris-Lodron-Universität Salzburg und der Soziologe Dr. Alejandro Pelfini von der Universidad del Salvador in Buenos Aires beschäftigten sich mit politischen Dynamiken von Zugehörigkeit und Ausschluss. Während Denise Polaczuk unterschiedliche theoretische Zugänge zu Prozessen des „Selfing“ und „Othering“ vorstellte und erläuterte, wie kollektive Identitäten durch Selbst- und Fremdzuschreibungen entstehen, richtete Alejandro Pelfini den Blick auf gegenwärtige gesellschaftliche Krisenerfahrungen. Er beschrieb die Gegenwart als eine von mehreren ineinandergreifenden Krisen geprägte Situation, in der globale Ungleichheiten, Umweltveränderungen, Migration, geopolitische Konflikte und die Schwächung internationaler Institutionen zusammenwirken. Vor diesem Hintergrund diskutierte er die Bedeutung nationalistischer und identitätspolitischer Narrative sowie die Auswirkungen digitaler Formen öffentlicher Kommunikation auf gesellschaftliche Polarisierungsprozesse.
KAAD-Alumna Rosa Zuloeta Bonilla vom Geographischen Institut der Universität Bonn sowie Dr. Locardia Shayamunda, Koordinatorin von Justitia et Pax in der Erzdiözese Harare, näherten sich Fragen von Zugehörigkeit und Ausgrenzung aus indigenen und ethnischen Perspektiven. Rosa Zuloeta Bonilla stellte ihre Forschung zu Projekten erneuerbarer Energien bei den Shipibo-Konibo im peruanischen Amazonasgebiet vor. Im Zentrum ihres Vortrags stand ein erweitertes Verständnis von Ressourcen, das neben Rohstoffen und technischer Infrastruktur auch Wissen, Finanzierung, institutionelle Unterstützung, politische Mitsprache und Entscheidungskompetenz umfasst. Anhand von Fallbeispielen aus indigenen Gemeinden thematisierte sie den Zusammenhang von Energiezugang, Mobilität, Kommunikation, Bildungs- und Gesundheitsversorgung sowie die Handlungsmöglichkeiten lokaler Gemeinschaften bei der Planung, Nutzung und langfristigen Gestaltung von Infrastrukturprojekten. Locardia Shayamunda ergänzte diese Perspektive durch ihre Forschung zu Landrechten indigener Gemeinschaften in Simbabwe. Ausgehend von ihrer wissenschaftlichen Arbeit und langjährigen Erfahrung in der Gerechtigkeits- und Friedensarbeit beschäftigte sie sich mit dem Zusammenhang von Ressourcen, gesellschaftlicher Anerkennung und politischer Teilhabe.
Die Frage, wer als Teil einer Gemeinschaft gilt und unter welchen Bedingungen Zugehörigkeit gewährt oder verweigert wird, stand auch im Mittelpunkt der Beiträge von Prof. Dr. Serawit Bekele Debele von der Universität Bayreuth und Fabian Ceska von Detox Identity. Serawit Bekele Debele beschäftigte sich mit dem Zusammenhang von Geschlechterpolitik, Zugehörigkeit und demokratischen Entwicklungen im Globalen Süden. Mit Blick auf Fortschritte bei Bildung, politischer Teilhabe und rechtlicher Gleichstellung von Frauen thematisierte sie derzeitigeRückschritte sowie die politische Verwendung des Begriffs „Gender-Ideologie“. Dabei ging es darum, wie Prozesse der Ein- und Ausgrenzung darüber entscheiden, wer als schutzwürdig gilt und wessen Rechte infrage gestellt werden. Fabian Ceska beschäftigte sich mit migrantischen Männlichkeiten und den Bedingungen, unter denen Vorstellungen von Männlichkeit unter Bedingungen von Ausgrenzung, Diskriminierung und gesellschaftlichen Erwartungen entstehen. Ausgehend von digitalen Männlichkeitsmilieus diskutierte er unterschiedliche Entwürfe von Stärke, Unabhängigkeit und Souveränität sowie deren Zusammenhang mit Erfahrungen mangelnder Anerkennung.
Am Nachmittag wurden die Diskussionen in einem Barcamp unter dem Titel „Identität im Spiegel der Krise“ fortgeführt. In selbst gestalteten Gesprächsrunden beschäftigten sich die Teilnehmenden unter anderem damit, welche Bedeutung Mehrsprachigkeit für die eigene Identität hat, wie Menschen zwischen verschiedenen sprachlichen und kulturellen Räumen wechseln und in welcher Weise Sprache mit Erinnerungen, Emotionen und kulturellem Selbstverständnis verbunden ist. Auch Erfahrungen aus Migrationskontexten spielten eine Rolle. Dabei standen Fragen der Integration im Mittelpunkt, insbesondere die Überlegung, ob Zugehörigkeit allein von Anpassungsleistungen der Zugewanderten abhängt oder ebenso Veränderungen der Aufnahmegesellschaft voraussetzt. Weitere Gesprächsgruppen widmeten sich den politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Teilhabe. Im Zentrum stand unter anderem, wie politische Strukturen darüber mitentscheiden, wer Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung oder sozialer Absicherung erhält. Auch globale Verschuldung, internationale Finanzierungsbedingungen und regionale Integrationsprozesse kamen als Faktoren zur Sprache, die gesellschaftliche Handlungsspielräume und kollektive Selbstverständnisse beeinflussen können. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf dem Umgang mit Veränderungen von Selbstbildern. Diskutiert wurden hybride und mehrfache Identitäten, Erfahrungen der Orientierungssuche in unterschiedlichen Lebensphasen sowie die Bedeutung von Mentoring und persönlicher Begleitung für Bildungs- und Berufswege. Auch Fragen nach dem Zusammenhang von Gesundheit und Identität wurden aufgegriffen. Dabei ging es unter anderem um den Einfluss genetischer Voraussetzungen, Erkrankungen und medizinischer Entwicklungen auf Selbstverständnis, Erinnerung und Zugehörigkeit. Mehrere Gruppen beschäftigten sich zudem mit digitalen Identitäten und sozialen Medien. Sie erörterten, wie digitale Räume Zugehörigkeiten prägen und gesellschaftliche Debatten beeinflussen.
Der Freitagabend war dem musikalischen Festakt gewidmet. Stipendiatinnen und Stipendiaten gestalteten das Programm mit Solo-, Ensemble- und Chorbeiträgen aus verschiedenen musikalischen Traditionen. Im Rahmen des Festakts wurden die langjährigen Vertrauensdozenten Prof. Dr. Konrad Vössing und Prof. Dr. Heinz-Gerhard Justenhoven mit der Bene-Merenti-Medaille des KAAD ausgezeichnet.
Den Höhepunkt des Abends bildete die Verleihung des 15. Preises der KAAD-Stiftung Peter Hünermann an die simbabwische Umweltwissenschaftlerin Dr. Locardia Shayamunda. Mit der Auszeichnung würdigt die Stiftung ihr gesellschaftliches und kirchliches Wirken für Gerechtigkeit und Frieden sowie ihr Engagement im Bereich der Umweltwissenschaften in Simbabwe. Als Koordinatorin für Gerechtigkeit und Frieden der Erzdiözese Harare verbindet sie wissenschaftliche Arbeit mit praktischem Einsatz für marginalisierte Gemeinschaften. Locardia Shayamunda lehrt an der Arrupe Jesuit University sowie an der Catholic University of Zimbabwe. In seiner Laudatio hob Dr. Marko Kuhn, Referatsleiter Afrika des KAAD, hervor, dass ihr Engagement „nicht abstrakt“, sondern „praktisch, mutig und tief verwurzelt in der Überzeugung“ sei, „dass jeder Mensch Würde, Chancen und eine Stimme bei der Gestaltung seiner Zukunft verdient“. Viele Jahre nach ihrem eigenen KAAD-Stipendium engagiert sich Locardia Shayamunda zudem im Alumni-Netzwerk KASSA (KAAD Association of Scholars from Southern Africa) sowie im Partnerkomitee des KAAD, dessen Vorsitz sie heute innehat.
Den geistlichen Rahmen der Jahresakademie bildeten Gottesdienste und gemeinsame Gebetszeiten, die von P. Prof. Dr. Ulrich Engel OP und P. Prof. Dr. Thomas Eggensperger OP, den beiden geistlichen Begleitern des KAAD, gestaltet und begleitet wurden. Die „Begegnung im Gebet“ verband unterschiedliche Formen religiösen Ausdrucks in einer gemeinsamen Feier, die von den Stipendiatinnen und Stipendiaten des KAAD mitgestaltet wurde. Beim Internationalen Festgottesdienst gestalteten die Regionalgruppen der Stipendiatinnen und Stipendiaten die Liturgie mit Beiträgen aus unterschiedlichen kulturellen und kirchlichen Traditionen. In seiner Predigt beschrieb KAAD-Präsident P. Dr. Hans Langendörfer SJ eine Haltung, die das internationale Netzwerk des KAAD seit vielen Jahren prägt: „Wer sich im KAAD zu Hause und wohl fühlen will, der sollte eine Person sein, die neugierig und bereit ist und die Courage hat, sich anderen Kulturen zu öffnen als der eigenen.“
Eine Internationale Soirée zum Abschluss der Akademie gab den Stipendiatinnen und Stipendiaten die Gelegenheit, Erfahrungen, kulturelle Ausdrucksformen und Perspektiven aus ihren unterschiedlichen Herkunftsregionen miteinander zu teilen. Die von den Regionalgruppen gestalteten Beiträge reichten von Musik und Tanz bis zu Einblicken in gesellschaftliche Entwicklungen und kulturelle Traditionen.
Bereits vor der offiziellen Eröffnung hatten sich die fünf Fachgruppen des KAAD mit dem Jahresthema auseinandergesetzt und Fragen von Identität, Zugehörigkeit und gesellschaftlicher Verantwortung aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven diskutiert. Die Auseinandersetzung mit dem Thema reichte dadurch über die eigentlichen Akademietage hinaus und konnte in die bestehenden Arbeitszusammenhänge des internationalen KAAD-Netzwerks eingebunden werden.






















