Unter der Leitung von Dr. Mirjam Rossa, Leiterin des Referates Lateinamerika, kamen dort 31 Geförderte des KAAD zusammen, um die Zugangsgerechtigkeit zum und im lateinamerikanischen Bildungswesen gemeinsam zu erkunden und zu reflektieren. Begleitet wurde das Seminar von den Referentinnen Renate Flügel und Ute Baumgart aus dem Lateinamerika-Referat des KAAD; die spirituelle Begleitung übernahm P. Prof. Dr. Thomas Eggensperger OP. Neben dem inhaltlichen Hauptprogramm nutzten elf Stipendiatinnen und Stipendiaten die Möglichkeit, über die Tage verteilt ihre vielfältigen Forschungsprojekte vor einem interdisziplinären Publikum vorzustellen.
Der Eröffnungsabend diente dem Ankommen und dem gegenseitigen Kennenlernen. Nach einer Einführung durch Dr. Christian Müller, Politikwissenschaftler und Caritastheologe sowie Akademiedozent im Fachbereich Politik, Gesellschaft und Internationales der katholisch-sozialen Akademie Franz Hitze-Haus, leitete der KAAD-Stipendiat Pedro Romero ein interaktives Format an, in dem die Teilnehmenden in wechselnden Zweiergruppen ihre Bildungswege vorstellten und einzelne Stationen ihrer schulischen und akademischen Laufbahn beschrieben. Die Einheit stand unter dem Titel „Mein Bildungsweg in Etappen“ („Mi trayectoria educativa en etapas“) und bildete den Ausgangspunkt für die inhaltliche Arbeit der folgenden Tage.
Am nächsten Morgen ordnete Mirjam Rossa das Seminarthema in einem Vortrag unter dem Titel „Zugangsgerechtigkeit in der lateinamerikanischen Bildung“ („Equidad de acceso en la educación latinoamericana“) ein. Sie unterschied dabei zwischen formalen Zugängen zu Bildungseinrichtungen und der tatsächlichen Möglichkeit, Bildungswege erfolgreich zu durchlaufen. Für den lateinamerikanischen Kontext verwies sie auf eine anhaltend starke Segmentierung von Bildungsbiografien, insbesondere im Primar- und Sekundarschulbereich, die mit unzureichender staatlicher Finanzierung sowie mit deutlichen Unterschieden zwischen urbanen und ländlichen Regionen verbunden ist. Auch im Hochschulbereich gehe die Ausweitung privater Anbieter mit neuen sozialen Zugangshürden einher. Darüber hinaus sprach Mirjam Rossa ethnische und rassifizierte Ungleichheiten im Bildungszugang an und stellte diese in einen vergleichenden Zusammenhang mit europäischen Befunden zu sozialer Selektion im Bildungssystem.
An diese grundlegenden Überlegungen knüpften die Fachimpulse der folgenden Tage an. Die Bildungsforscherin Dr. Kamille L. Beye (USA), die selbst als Erstakademikerin einen Bildungsweg über ein Fulbright-Stipendium bis zur Promotion an der Harvard University zurückgelegt hat, nahm soziale Ungleichheit und Armut als Faktoren in Bildungsprozessen in den Blick. In ihrem englischsprachigen Vortrag arbeitete sie insbesondere die Bedeutung indirekter Kosten des Lernens heraus, etwa für Transport, digitale Ausstattung, Ernährung oder psychosoziale Stabilität, die Bildungswege im Alltag beeinflussen und Bildungszugänge zusätzlich begrenzen.
Strukturelle Fragen des Schulwesens standen im Zentrum des Beitrags in portugiesischer Sprache von KAAD-Alumna Prof. Dr. Fabiana Faleiros (Brasilien). Sie ging auf Finanzierungsstrukturen im Primar- und Sekundarbereich ein und beschrieb deren Auswirkungen auf Ausstattung, Unterrichtsbedingungen und die Situation des Lehrpersonals. In diesem Zusammenhang thematisierte sie die ungleiche Verteilung von Ressourcen zwischen urbanen und ländlichen Regionen sowie die unterschiedlichen Rahmenbedingungen staatlicher, privater und kirchlicher Schulen. Die institutionelle Trennung dieser Schulformen, so Fabiana Faleiros, prägt Lernbedingungen, Zugehörigkeitserfahrungen und spätere Bildungsübergänge.
Weitere Perspektiven aus dem spanischsprachigen Lateinamerika kamen aus Kolumbien, Bolivien und Peru. Die KAAD-Stipendiatin Neyda Campaz Camacho näherte sich Fragen der Zugangsgerechtigkeit aus einer sprach- und diskurstheoretischen Perspektive. Sie ging darauf ein, wie Sprache im Bildungskontext als Zugangsschwelle wirkt, indem Anerkennung, Teilhabe und institutionelle Autorität über sprachliche Codes und kommunikative Praktiken vermittelt werden. Dabei thematisierte sie insbesondere die Bedeutung ethnischer und sozialer Zuschreibungen, die den Zugang zu Bildungsinstitutionen und die Positionierung innerhalb des Bildungssystems beeinflussen können. Daran anknüpfend stellte die KAAD-Stipendiatin Nathalie Manco Villa die ,Cátedra de Paz´ vor, ein schulisches Unterrichtsformat zur Friedensbildung, das in Kolumbien als verpflichtender Bestandteil des Curriculums eingeführt wurde. Sie erläuterte, wie dieses Format in konfliktbelasteten Regionen eingesetzt wird, um Gewalt- und Konflikterfahrungen im schulischen Rahmen zu bearbeiten und Fragen von Versöhnung, Erinnerung und gesellschaftlichem Zusammenhalt zum Gegenstand des Unterrichts zu machen.
Die Frage des Hochschulzugangs wurde in Beiträgen der KAAD-Alumni Willy W. Chambi (Bolivien) und Dr. Álvaro Ezcurra Rivero (Peru) weitergeführt. Willy Chambi beschrieb die wachsende Bedeutung privater Hochschulen im bolivianischen Hochschulsystem vor dem Hintergrund begrenzter Kapazitäten öffentlicher Universitäten. Er ging darauf ein, dass private Hochschulen einerseits neue formale Zugänge eröffnen, zugleich jedoch zu einer stärkeren Segmentierung nach Zahlungsfähigkeit und sozialer Herkunft beitragen, da Studiengebühren und institutionelle Auswahlmechanismen den Zugang ungleich verteilen. Álvaro Ezcurra Rivero befasste sich mit bestehenden Zugangslücken im peruanischen Hochschulsystem und thematisierte strukturelle Hürden beim Übergang von der Sekundar- in die Hochschulbildung. In diesem Zusammenhang verwies er auf die Kooperation zwischen dem KAAD und der Päpstlichen Katholischen Universität von Peru (Pontificia Universidad Católica del Perú), die darauf zielt, finanzielle Belastungen zu reduzieren und institutionelle Übergänge zu begleiten. Anhand dieses Beispiels zeigte er auf, wie Förderprogramme wirksam werden, wenn sie nicht nur den Studienbeginn, sondern auch den weiteren Verlauf des Bildungswegs in den Blick nehmen.
Begleitend zu den Fachimpulsen stellten die Stipendiatinnen und Stipendiaten in parallelen Panels ihre laufenden Forschungsprojekte vor. Die Präsentationen umfassten Arbeiten aus unterschiedlichen Disziplinen und bezogen sich auf Fragen von Bildungszugang, Bildungsungleichheit und institutionellen Rahmenbedingungen in verschiedenen nationalen Kontexten. In der anschließenden Diskussion wurden methodische Zugänge, empirische Befunde und gesellschaftliche Implikationen der Projekte aufgegriffen und im interdisziplinären Austausch vertieft.
In der abschließenden Reflexionsrunde zur „Bildung und Verantwortung im persönlichen und gesellschaftlichen Kontext“ („Educación y responsabilidad en el contexto personal y social“) kamen die im Seminar behandelten Perspektiven erneut zusammen. Thematisiert wurden unter anderem die Mehrdimensionalität von Zugangsgerechtigkeit, die Bedeutung sprachlicher und institutioneller Schwellen sowie die Frage, welche Rolle Förderprogramme und Bildungseinrichtungen bei der Begleitung von Bildungswegen spielen können.
Das Programm schloss mit einer vorweihnachtlichen Tour durch die Münsteraner Innenstadt sowie mit einem mehrsprachigen Gottesdienst in der Marienkapelle des Doms zu Münster, der von fünf Stipendiaten aus dem Stipendienprogramm Adveniat-KAAD mit Liedern aus dem spanisch- und portugiesischsprachigen Lateinamerika gestaltet wurde.










