KAAD-Seminar „Breaking the Walls of Violence – Die vielen Gesichter der Gewalt“

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Gewalt zeigt sich nicht nur in einzelnen Handlungen, sondern ist häufig durch politische Strukturen, soziale Beziehungen und institutionelle Kontexte geprägt.

Das Seminar, das vom 7. bis zum 10. April 2026 in der Akademie ‚Die Wolfsburg‘ in Mülheim stattfand, nahm diese Aspekte aus unterschiedlichen Perspektiven in den Blick. Unter der Leitung von Dr. Mirjam Rossa arbeiteten zwölf aktuelle und ehemalige KAAD-Geförderte sowie eine Stipendiatin des Cusanuswerks gemeinsam an unterschiedlichen Zugängen zum Thema Gewalt.

Den Ausgangspunkt bildete eine Positionierungsübung, in der die Teilnehmenden anhand konkreter Aussagen eigene Erfahrungen und Wahrnehmungen von Gewalt einbrachten. Aussagen zu Angst, Diskriminierung, politischer Unterdrückung oder Gewalt in familiären Zusammenhängen führten zu unterschiedlichen Verortungen im Raum. Dabei ging es sowohl um Gewalt als einzelnes Ereignis als auch um Erfahrungen, die sich über längere Zeiträume in Biografien und in sozialen und politischen Kontexten niederschlagen.

Gemeinsame Kommunikationsregeln bildeten die Grundlage für die weitere Arbeit. Sie nahmen insbesondere den Umgang mit unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven in den Blick und umfassten einen respektvollen Austausch, die Achtung persönlicher Grenzen sowie einen sensiblen Gebrauch von Sprache. Der Umgang mit diskriminierenden oder verletzenden Ausdrucksweisen wurde reflektiert, zugleich wurde Wert darauf gelegt, unterschiedliche Sichtweisen zuzulassen und ernst zu nehmen. Vor allem im Umgang mit persönlichen Gewalterfahrungen lag der Fokus darauf, einen Rahmen zu schaffen, in dem Beiträge ohne Bewertung oder Rechtfertigungsdruck geäußert werden konnten.

Den Einstieg in die politischen und staatlichen Dimensionen von Gewalt bildete der Beitrag von Dr. Kristine Andra Avram vom Zentrum für Konfliktforschung der Universität Marburg. Im anschließenden Austausch wurde Gewalt im Zusammenhang mit politischen Ordnungen und staatlichen Strukturen diskutiert. Gewalt erschien dabei als langfristiges Phänomen, das in historische und politische Zusammenhänge eingebunden ist und in unterschiedlichen Kontexten sowie gegenüber verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen in sehr unterschiedlichem Ausmaß auftritt.

Mit den Beiträgen von Sr. Dr. med. Ruth Rottbeck von der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Alexianer St. Joseph-Krankenhauses in Berlin und der KAAD-Stipendiatin Adriana Lamboglia, Promovierende im Fach Caritaswissenschaften an der Universität Freiburg, verlagerte sich die Arbeit auf Erfahrungen von Gewalt in zwischenmenschlichen Beziehungen und deren psychische Folgen. Ruth Rottbeck brachte dabei Beispiele aus der klinischen Praxis ein und sprach über Formen von Gewalt, die nicht unmittelbar sichtbar sind, sich aber in langfristigen Belastungen, Angstzuständen oder Traumafolgen niederschlagen. Adriana Lamboglia knüpfte daran an und bezog diese Fragen auf soziale und familiäre Strukturen, in denen Gewalt häufig in Abhängigkeits-verhältnissen entsteht und über längere Zeiträume wirksam bleibt. Eine angeleitete Gruppenübung griff diese Themen auf und bezog eigene Erfahrungen der Teilnehmenden ein. Im Mittelpunkt standen der Umgang mit Belastungen sowie Fragen der Verarbeitung und des Zugangs zu Unterstützung.

Die Auseinandersetzung mit Gewalt rückte im weiteren Verlauf die Frage in den Mittelpunkt, wie mit Gewalt in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten umgegangen wird. KAAD-Stipendiat Juan Camilo Pulido Riveros stellte unter dem Titel „Whose Truth Counts? Epistemic Struggles in Colombia’s Transitional Justice Process“ die kolumbianischen Aufarbeitungsprozesse vor. Im Zentrum stand die Frage, wer in diesen Verfahren bestimmt, was als Gewalt, Wahrheit und Gerechtigkeit gilt. Die Wahrheitskommission und die Sondergerichtsbarkeit für den Frieden erfassen nicht nur Gewalt, sondern entscheiden auch darüber, welche Erfahrungen anerkannt und in gesellschaftliche Verständigungsprozesse eingebracht werden.

Digital zugeschaltet war die KAAD-Alumna Dr. Locardia Shayamunda aus Simbabwe, die unter dem Titel „Bedrohung und Mut“ aus ihrer Arbeit in der katholischen Kommission für Gerechtigkeit und Frieden berichtete. Sie ging auf die Bedingungen ein, unter denen Friedensarbeit stattfindet und thematisierte den Umgang mit Gewalt im Spannungsfeld von Gefährdung und Handlungsspielräume.
Im Anschluss daran richtete der KAAD-Stipendiat Samuel Yao Mayeden aus Ghana, der im Bereich Global Health an der Universität Heidelberg promoviert, den Blick auf Gesundheitssysteme im Zusammenhang mit struktureller Gewalt. Ausgangspunkt seines Beitrags war die Frage, unter welchen Bedingungen Krankheiten behandelt werden können und wann Versorgung ausbleibt. Anhand zweier Fallbeispiele – einer akuten Schlangenbissverletzung und der chronischen Erkrankung Elephantiasis – zeigte er, dass beide grundsätzlich behandelbar sind, sich ihre Verläufe jedoch unter ungleichen Versorgungsbedingungen deutlich unterscheiden. Während im einen Fall eine sofortige medizinische Intervention erforderlich ist, setzt der andere eine kontinuierliche Betreuung voraus. In beiden Situationen hängt der Verlauf jedoch maßgeblich davon ab, ob Behandlung rechtzeitig verfügbar ist. Im Mittelpunkt standen damit weniger die Krankheiten selbst als die Strukturen, in denen sie behandelt werden. Verzögerter Zugang zu medizinischer Versorgung, fehlende Medikamente und unzureichende Nachsorge bestimmen den Verlauf ebenso wie die Diagnose und verweisen auf strukturelle Bedingungen, die Gesundheitssysteme prägen. 

Den Abschluss dieses Themenblocks bildete der Beitrag der KAAD-Alumna Lilit Poghosyan aus Armenien, Mitarbeiterin bei Mission EineWelt Nürnberg. Unter dem Titel „Von Versöhnung und Scheitern: Konfliktlösungen auf dem Prüfstand“ ging sie der Frage nach, unter welchen Bedingungen Versöhnungsprozesse gelingen oder an ihre Grenzen stoßen.

In den abschließenden Diskussionen standen Grenzen und Möglichkeiten des Umgangs mit Gewalt im Mittelpunkt. Dabei ging es unter anderem um die Frage, unter welchen Bedingungen dialogische Verfahren wie Mediation an Grenzen stoßen, insbesondere bei bestehenden Machtasymmetrien. Ebenso wurde thematisiert, dass Gewalt auch in Friedensprozessen fortwirkt und dass Fragen nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Anerkennung nicht abschließend geklärt sind.

Die geistliche Begleitung durch P. Prof. Dr. Ulrich Engel OP und Sr. Dr. med. Ruth Rottbeck war fest in das Programm integriert. Morgengebete, die Vorbereitung und Feier des Gottesdienstes sowie wiederkehrende Gesprächsangebote im Rahmen eines als ,Safer Space´ gekennzeichneten Formats begleiteten die inhaltliche Arbeit. Dabei bestand für die Teilnehmenden mehrfach die Möglichkeit zu persönlichen Gesprächen in einem geschützten Rahmen.

Ein Ausflug zur Villa Hügel in Essen führte in die Industriegeschichte des Ruhrgebiets und eröffnete einen weiteren Zugang zu Fragen von wirtschaftlicher Macht, gesellschaftlicher Entwicklung und historischen Bedingungen von Ungleichheit.

In der abschließenden Reflexion wurden noch einmal die Themen aufgenommen, die das Seminar geprägt hatten. Dazu gehörten politische Gewalt und staatliche Repression, Erfahrungen von Gewalt in persönlichen Beziehungen sowie konkrete Fragen des Umgangs mit Gewalt in unterschiedlichen Kontexten. Gewalt wurde dabei als strukturell verankert, als wirksam in individuellen Lebensrealitäten und als Herausforderung beschrieben, die unterschiedliche Zugänge erfordert, von politischer Analyse bis hin zu konkreter Praxis vor Ort. 

Am Ende des Seminars spendete P. Ulrich den Reisesegen. Er nahm die Erfahrungen der vergangenen Tage auf und gab ihnen einen Ort: nicht als Abschluss, sondern als Ausgangspunkt für das, was die Teilnehmenden weiter begleiten wird