Gestern wurde in Bonn die 39. Jahresakademie des Katholischen Akademischen Austauschdienstes eröffnet. Rund 250 Teilnehmende aus etwa fünfzig Ländern befassen sich noch bis Sonntag (14. Juni) mit Fragen von Identität, Zugehörigkeit und Ausgrenzung in einer von politischen Krisen, gesellschaftlichen Spannungen und globalen Umbrüchen geprägten Welt.
In seiner Eröffnungsrede betonte Weihbischof Dr. Dr. Anton Losinger, Bischöflicher Beauftragter für den KAAD, die Aktualität des Themas. Angesichts weltweiter Polarisierungen, neuer Grenzziehungen und gesellschaftlicher Spannungen stellte er die Frage nach den Voraussetzungen eines friedlichen Zusammenlebens in den Mittelpunkt. Aus christlicher Perspektive dürfe Identität nicht über Abgrenzung definiert werden: „Christliche Identität entsteht nicht gegen andere, sondern in der Beziehung zu Gott und zum Mitmenschen.“
KAAD-Präsident P. Dr. Hans Langendörfer richtete den Blick auf die Ambivalenz von Zugehörigkeit. Gemeinschaften könnten Orientierung und Zusammenhalt stiften, zugleich aber auch Formen der Abgrenzung hervorbringen. Die Jahresakademie wolle deshalb sowohl nach den Voraussetzungen gelingender Gemeinschaft als auch nach den Ursachen von Polarisierung, Ressentiment und Ausgrenzung in gegenwärtigen Gesellschaften fragen. „Vor allem aber wollen wir analysieren, wie Ressentiment und Arroganz bis hin zu Destruktivität, Bosheit und unfassbarer Gewalt im Kontext der ab- und ausgrenzenden Selbstidentifikation eine toxische Verbindung eingehen und unsere Gegenwart global beschweren.“
KAAD-Generalsekretärin Dr. Nora Kalbarczyk stellte die Frage nach Identität und Zugehörigkeit in den Zusammenhang der internationalen Bildungsarbeit des KAAD. Angesichts weltweiter Ungleichheiten beim Zugang zu Bildung und wissenschaftlichem Austausch sehe der KAAD seine Aufgabe nicht allein in der Vergabe von Stipendien, sondern zugleich darin, Zugänge, Begegnungen und Netzwerke über nationale und kulturelle Grenzen hinweg zu ermöglichen. Mit Blick auf das Thema der Jahresakademie betonte sie die Aktualität von Identitätsfragen in vielen gesellschaftlichen Debatten. „Die Suche nach Zugehörigkeit gehört zu den grundlegenden Erfahrungen des Menschen. Umso wichtiger ist es, die Mechanismen von Zugehörigkeit und Ausgrenzung besser zu verstehen.“
Prof. Dr. Barbara Schellhammer, Professorin für Intercultural Social Transformation und Leiterin des Zentrums für Globale Fragen an der Hochschule für Philosophie München, sowie Dr. David Kaulem, Dekan der Fakultät für Bildungswissenschaft und Leadership an der Arrupe Jesuit Universität in Harare, Simbabwe, eröffneten mit ihren Vorträgen die inhaltliche Auseinandersetzung der Jahresakademie.
Barbara Schellhammer näherte sich dem Thema aus philosophischer Perspektive. Sie beschrieb Identität als eine fragile Balance zwischen Verankerung und Offenheit, zwischen Bodenständigkeit und Weltläufigkeit. Problematisch werde es sowohl, wenn Menschen jeden Halt verlören, als auch dann, wenn sie sich gegenüber allem Fremden abschotteten. „Identität meint also nicht irgendeine Art innerer Kern, der trotz den Veränderungen der Zeit gleich bleibt. Sie ist die fragile Einheit ihrer Differenzen.“ David Kaulem warnte davor, ethnische, nationale oder soziale Unterschiede als unveränderliche Gegebenheiten zu verstehen. Identitäten könnten Orientierung und Zusammenhalt stiften, würden jedoch problematisch, wenn sie zur Legitimation von Ausgrenzung oder Überlegenheit dienten. „Viele Menschen stellen soziale Unterschiede wie Ethnien, Nationen, Klassen, Kasten oder gesellschaftliche Rollen als etwas Natürliches, Ewiges oder Unvermeidliches dar. Viele Selbstbilder und die Grenzen zwischen ihnen beruhen auf dieser problematischen Vorstellung.“
Am Freitagvormittag setzen sich fünf thematische Foren mit unterschiedlichen Dimensionen von Zugehörigkeit und Ausgrenzung auseinander. Diskutiert werden politische Dynamiken von Inklusion und Exklusion, indigene und ethnische Perspektiven auf Ressourcen und Anerkennung, soziale Herkunft und Klassenidentitäten, Religion zwischen Gemeinschaft und Abgrenzung sowie gegenwärtige Männlichkeitsdiskurse.
Bereits im Vorfeld der Jahresakademie griffen die Fachgruppen des KAAD das Leitthema aus unterschiedlichen Perspektiven auf. Diskutiert wurden psychologische und sprachliche Dimensionen von Selbstbildern und Zugehörigkeit, religiöse und gesellschaftliche Fragen von Identität und Anerkennung sowie die Bedeutung natürlicher Ressourcen als Orte von Gemeinschaft, Konflikt und Verantwortung.
Bis zum Abschluss der Jahresakademie stehen unter anderem noch der internationale Festgottesdienst sowie die Verleihung des 15. Preises der KAAD-Stiftung Peter Hünermann an die simbabwische Wissenschaftlerin Dr. Locardia Shayamundaan. Mit der Auszeichnung würdigt die Stiftung ihr gesellschaftliches und kirchliches Wirken für Gerechtigkeit und Frieden sowie ihr Engagement im Bereich der Umweltwissenschaften in Simbabwe.
„Selbstbildnisse und Abgrenzungen – Auf der Suche nach Zugehörigkeit in einer krisenhaften Welt“
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Jahresakademie des Katholischen Akademischen Austauschdienstes eröffnet.







