Der Umgang mit Ressourcen ist zu einer globalen Gewissensfrage geworden und zugleich zu einem Prüfstein internationaler Partnerschaft. Die Auswirkungen des Klimawandels, ungleiche Stoffströme und die Externalisierung ökologischer Kosten treffen Länder wie Ghana besonders hart. In dieser Situation setzt der KAAD auf Dialog, Kooperation und Verantwortung: durch wissenschaftliche Vernetzung, langfristige Begleitung seiner Alumnae und Alumni sowie durch die Förderung konkreter Vorhaben im Bereich ökologischer Gerechtigkeit.
Die Reise nach Ghana 2025 führte Dr. Marko Kuhn, Referatsleiter Afrika, in drei Regionen des Landes: Accra, Kumasi und Tamale. Verbunden wurden Gespräche mit verschiedenen Institutionen, wissenschaftliche Kooperationslinien und die Begegnung mit aktiven Mitgliedern unseres Alumni-Netzwerks. Thematisch standen Umweltverantwortung, Kreislaufwirtschaft und die Frage im Zentrum, wie Wissenschaft, Bildung und Gesellschaft im gemeinsamen Ringen um nachhaltige Entwicklung ineinandergreifen können. Begleitet wurde Marko Kuhn von Prof. Dr. Stephan Scholl (Technische Universität Braunschweig und Mitglied des Akademischen Ausschusses des KAAD), der so einen Einblick in die vielfältige Netzwerkarbeit vor Ort bekam. Stephan Scholl betonte mehrfach, wie wichtig für ihn dieser „Blick in die Werkstatt“ war, da er als Gutachter des Auswahlausschusses sonst überwiegend mit Dokumenten und Unterlagen zu tun hat, hier aber konkreten Personen begegnen konnte, die als Change Agents in ihren gesellschaftlichen und akademischen Umfeldern wirken.
Die Tagung griff diese Problematik nicht nur analytisch, sondern auch strukturell auf – als Plattform für wissenschaftliche Reflexion und praxisorientierte Lösungen. Ein Beispiel dafür war ein gemeinsames Forschungsprojekt zu PET-Recycling, das im Rahmen des Seminars vorgestellt und diskutiert wurde und auf eine Initiative dreier mit dem KAAD verbundener Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zurückgeht:
Prof. Dr. Marian Asantewah Nkansah ist KAAD-Alumna, Mitglied des ghanaischen Partnergremiums und Professorin an der Kwame Nkrumah University of Science and Technology (KNUST) in Kumasi. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Prof. Dr. Johannes Mawuli Awudza, ebenfalls an der KNUST tätig, und mit Prof. Dr. Stephan Scholl entwickelte sie das Forschungsprojekt „PlasticWasteRecycle“ – ein transdisziplinäres Vorhaben zum PET-Recycling. Die Idee dazu entstand im Rahmen der KAAD-Jahresakademie 2023, bei der sich Marian Nkansah und Stephan Scholl erstmals zu den ökologischen und gesellschaftlichen Folgen globaler Stoffströme austauschten. Das Projekt wurde inzwischen im Rahmen des Deutsch-Afrikanischen Innovations- und Anreizpreises des Bundesministeriums für Bildung und Forschung ausgezeichnet. Die Zusammenarbeit verbindet Umweltchemie und Verfahrenstechnik, internationale Partnerschaft und regionale Wirksamkeit. Dass „PlasticWasteRecycle“ zugleich als thematischer Impulsgeber für das KASWA-Seminar an der KNUST diente, verweist auf die Schnittstelle von Forschung, Bildung und KAAD-Vernetzung.
In den thematisch breit gefächerten Panels kamen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Umweltchemie, Theologie, Sozialwissenschaft und Verfahrenstechnik miteinander ins Gespräch. Diskutiert wurden technische Innovationen im Kunststoffrecycling, soziale Folgen informeller Entsorgungspraktiken, Förderstrukturen im Bereich nachhaltiger Forschung sowie die Rolle von Bildung und kirchlichem Engagement im gesellschaftlichen Wandel. In der Diskussion wurde deutlich, dass ökologische Transformation nicht erst bei der Abfallverwertung beginnt, sondern Bewusstseinsprozesse und institutionelle Verantwortung voraussetzt. Die Beiträge zeigten, wie sehr wissenschaftliche Analyse, politische Gestaltung und zivilgesellschaftliche Praxis dabei ineinandergreifen. Zahlreiche Teilnehmende berichteten zudem von eigenen Forschungsvorhaben und lokalen Initiativen, die ökologische Fragen mit sozialer Gerechtigkeit verbinden.
Ein gemeinsamer Gottesdienst im Verlauf des Seminars verankerte die Diskussionen in einer spirituellen Perspektive. Ergänzt wurde das Programm durch theologische Reflexionen zu Fragen ökologischer Verantwortung. Damit wurde deutlich, dass die Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Folgen von Umweltzerstörung auch die religiöse Dimension einbezieht, nicht im Sinne moralischer Appelle, sondern als Teil eines Dialogs zwischen Wissenschaft, Glaube und gesellschaftlicher Praxis.
Zwei Exkursionen illustrierten plastisch, um was es beim Seminar ging: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer besuchten zunächst die Kumasi Compost and Recycling Plant (KCARP). Diese hochmoderne Anlage zur Behandlung und Wiederverwertung von kommunalen Abfällen kann bis zu 2.400 Tonnen Abfälle pro Tag verarbeiten und gilt damit als die größte Kompostierungs- und Recyclinganlage Afrikas. Neben der Kompostierung organischer Abfälle verfügt KCARP über moderne Technologien zur Sortierung und Wiederverwertung von Kunststoffen, Metallen und Papier sowie über Einrichtungen zur Abwasserbehandlung und Forschungsarbeit. Die zweite Exkursion führte zum Projekt „Recycle Up! Ghana“, einer seit 2014 aktiven Initiative, die junge Menschen – insbesondere Schülerinnen, Studierende und Jungunternehmer – stärkt, um eigenständig Lösungen gegen die Plastikmüllproblematik in Ghana zu entwickeln und umzusetzen. Dazu gehören praxisnahe Formate wie „Summer Camps“, bei denen die Teilnehmenden Wissen erwerben, Müllquellen erkunden und eigene Projekte zur Müllreduzierung entwerfen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des KASWA Seminars besuchten das Zentrum der Initiative, die mit ihrem „Community Waste Recycling Project“ Anreizsysteme zur Sammlung, Sortierung und Verwertung von Plastikmüll in mehreren Stadtvierteln von Kumasi und Umgebung initiiert, inklusive Innovationszentren zur Entwicklung neuer Recyclingtechniken. Zudem tragen Programme wie das „Circular Green Economy Project“ zur Ausbildung in grünen Fertigkeiten wie Seifen‑ und Pilzzucht sowie organischer Düngerproduktion bei und stärken so Umweltbewusstsein, Einkommen und unternehmerische Perspektiven.
KAAD-Alumni trugen zur gesellschaftlichen Wirksamkeit des Seminars bei. So gestaltete Dr. Vincent Kyere, Umweltforscher, Dozent und KAAD-Alumnus, zentrale Programmteile mit und teilte seine Expertise zur Situation informeller Elektroschrottverarbeitung in Ghana. Seit seiner vom KAAD geförderten Promotion am Zentrum für Entwicklungsforschung der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn entwickelt Vincent Kyere Konzepte für ein nachhaltiges Ressourcenmanagement in seinem Heimatland. In Agbogbloshie, einem der am stärksten kontaminierten Orte weltweit, leitet er ein Pionierprojekt zur Rückgewinnung von Sekundärrohstoffen, unterstützt von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Sein Modell beruht auf dem Ankauf von Elektroschrott bei Sammlerinnen und Sammlern und der fachgerechten Weiterverarbeitung durch offizielle Recyclingunternehmen. Damit gelingt es, ökologische und gesundheitliche Standards zu sichern, ohne informelle Erwerbsstrukturen zu zerstören. Vincent Kyere steht exemplarisch für das Potenzial langfristiger Förderbeziehungen. Seine wissenschaftliche Entwicklung, von der Geodäsie über ein Masterstudium in Geoinformationssystemen bis hin zur Promotion in Bonn, ist eng mit dem KAAD verbunden. Heute bringt er sein Wissen in Regierung, Zivilgesellschaft und internationale Kooperation ein und bleibt dem Netzwerk verbunden als Stimme für soziale und ökologische Verantwortung.
Auch die weiteren Stationen der Reise in Accra verdeutlichten die Breite des KAAD-Netzwerks in Ghana. Im Austausch mit Partnerinstitutionen wie der Caritas Ghana, dem katholischen Sekretariat der Bischofskonferenz, dem Goethe-Institut, der Konrad-Adenauer-Stiftung und dem DAAD wurde deutlich, wie eng Fragen ökologischer Transformation mit kirchlicher, entwicklungspolitischer und akademischer Arbeit verbunden sind. An der University of Ghana traf Marko Kuhn mit den Wissenschaftlerinnen Dr. Nana Ama Aning Oppong-Duah und Dr. Martha A. Awo zusammen, die zu sozialer Transformation und Ressourcenpolitik forschen. In Begegnungen mit den KAAD-Alumnae Joyce Eledi Kuusaana und Afua Antwiwaa Abasa, die heute als Koordinatorinnen bei der GIZ im Programm „Participation, Accountability and Integrity for a Resilient Democracy“ arbeiten, wurde sichtbar, wie stark das westafrikanische Alumni-Netzwerk gesellschaftlich verankert ist. Auch der Austausch mit Dr. Emmanuel Tasun Tidorchibe, Dozent an der Wisconsin International University College, unterstrich die nachhaltige Präsenz des KAAD im akademischen Sektor des Landes.
Mit dem Seminar in Kumasi wurde ein intensiver Reflexionsraum eröffnet – getragen vom Netzwerk westafrikanischer KAAD-Alumni, gestützt durch wissenschaftliche Kooperation und verwoben mit kirchlicher Verantwortung. Der thematische Bogen der Reise setzte sich anschließend im Norden Ghanas fort, wo Besuche bei langjährigen kirchlichen Partnern sowie das Alumni-Seminar der ostafrikanischen KASEA-Vereinigung auf dem Programm standen. Damit wurde sichtbar, wie sehr der KAAD zu einer Plattform geworden ist, auf der sich akademischer Austausch, transkontinentale Partnerschaft und gemeinsames Handeln im Zeichen globaler Gerechtigkeit bündeln.
Wissenschaft, Verantwortung, Partnerschaft: KASWA-Seminar 2025 und Partnerschaftsbesuche in Ghana
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Vom 17. bis 20. Juli 2025 fand an der Kwame Nkrumah University of Science and Technology (KNUST) das Seminar des ghanaischen KAAD-Netzwerks KASWA unter dem Titel „Recycling – Circular Economy for a Sustainable Future in Ghana“ statt. Es war Teil einer mehrtägigen Netzwerkreise von Dr. Marko Kuhn, die auch Gespräche mit Alumni, Hochschulen und Partnerorganisationen in Accra und Tamale einschloss.











