Libanon

Maria Hitti

Maria Hitti musste während ihrer gesamten Kindheits- und Jugendzeit den libanesischen Bürgerkrieg erleben. Mit dem Ausblick auf eine Normalisierung des Lebens nach Kriegsende 1990 erschien ihr zunächst eine Tätigkeit in dem noch jungen Berufsfeld der Öffentlichkeitsarbeit attraktiv und sie studierte Public Relations an der Libanesischen Universität von Beirut. 

Ihr Engagement in der Katechese von Kindern in ihrer Gemeinde sowie ihr umfangreiches ehrenamtliches Engagement in Nichtregierungsorganisationen, die für den interreligiösen Dialog eintreten, weckte in ihr den Herzenswunsch, als Religionslehrerin zu arbeiten und sich verstärkt in den Dialog der Religionen einzubringen. 

Vor dem Hintergrund der konfessionellen Spaltung im Libanon entschied sie sich für das Studium „Muslimisch-Christliche Beziehungen“, das Methoden der Überbrückung von religiösen Differenzen und das gegenseitige religiöse Verständnis in den Mittelpunkt der Lehre stellt. Dieser Masterstudiengang an der Universität Sankt Joseph ist ein im Nahen und Mittleren Osten einzigartiger interreligiöser Studiengang, der neben den theoretischen Grundlagen praktische Methoden vermittelt, die die Studierenden über ihr gesamtes Studium hinweg in verschiedene interreligiöse Praxisprojekten einbringen.

So konnte Maria Hitti auf der einen Seite ihre langjährige Erfahrung als Katechetin in ihr Studium einbringen. Auf der anderen Seite halfen ihr auch ihre Erfahrungen, die sie durch ihr Engagement in der regional und international tätigen Adyan-Stiftung gesammelt hat. Diese Stiftung hat sich zum Ziel gesetzt, konfessionelle Konflikte zu beseitigen und ein friedliches Zusammenleben zu fördern. 
In ihrer Masterarbeit verglich Maria Hitti die hermeneutischen Ansätze eines zeitgenössischen muslimisch-arabischen Philosophen und eines evangelischen Theologen miteinander („Ein analytischer Ansatz zur hermeneutischen Interpretation von Rudolf Bultmann und Mohammed Arkoun“). Dabei interessierte sie vor allem die Frage, wie man von einer wörtlichen Lesart der Offenbarung hin zu einer offeneren und spirituellen Auslegung gelangt, ohne dabei den Verlust von Tradition und Authentizität der heiligen Texte zu riskieren. Dazu diskutierte sie die Hypothese, dass eine Lösung darin bestünde, die pluralistische Philosophie Mohammad Arkouns mit dem Konzept der Entmythologisierung von Rudolf Bultmann zu kombinieren.

Schon während ihres Masterstudiums nahm Maria Hitti eine Stelle als Hilfslehrerin für Religion an einer Grundschule an. Dort unterrichtet sie nun nach ihrem Studium die Schülerinnen und Schüler in den Inhalten des Christentums, lehrt sie das Beten, die Feier der Eucharistie und ermutigt sie dazu, eine individuelle Beziehung zu ihrem Glauben aufzubauen. Ihre interreligiöse und interkulturelle Expertise bringt sie in der Vermittlung des Programms „Alwan“ der Adyan-Stiftung ein. Es ist ein 2007 aufgenommenes Projekt, das sich an Schülerinnen und Schüler richtet. Es wird in Kooperation mit Schulen und Jugendeinrichtungen durchgeführt und verfolgt das Ziel, Kinder in ihrer (zukünftige) Rolle als mündige Bürger unter Einbeziehung der religiösen Vielfalt und der menschlichen und sozialen Solidarität zu fördern. In der Stiftung ist Maria Hitti Mitglied des „Forums für soziale und religiöse Verantwortung“, in dem nationale Dialogprojekte entworfen und durchgeführt werden. 

2023 nahm Maria Hitti am Programm „She for Dialogue” des muslimisch getragenen King Abdullah bin Abdulaziz International Center for Interreligious and Intercultural Dialogue teil. Es ist ein internationales Projekt, bei dem Frauen aus der arabischen Welt als Brückenbauerinnen und Change Agents adressiert, geschult und vernetzt werden. Themen sind beispielsweise der gesellschaftliche Dialog, soziale Zusammenhalt und das Eintreten gegen Hass. In ihrer Kirchengemeinde vermittelt Maria Hitti die Inhalte des interreligiösen Dialogs in der Vorbereitung auf die Erstkommunion. 2024 wurde Maria Hitti vom Maronitischen Patriarchen Béchara Pierre Kardinal Raï OMM als beste Lehrerin für christliche Erziehung im Libanon ausgezeichnet. Sie ist überzeugt davon, dass „jede spirituelle Erfahrung darauf abzielt, eine Person, eine Nation und eine ganze Welt aufzubauen, denn echte Frömmigkeit, die aus dem Herzen kommt, führt zum Frieden.“