Welche Auswirkungen hat der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine auf den europäischen Sicherheitsraum? Mit dieser Frage beschäftigte sich eine von ukrainischen KAAD-Alumni organisierte Konferenz, die vom 28. bis 31. Mai 2026 an der staatlichen Stefan-cel-Mare-Universität in Suceava, Rumänien, stattfand. Neben Alumnae und Alumni aus der Ukraine nahmen auch ehemalige Stipendiatinnen und Stipendiaten aus Rumänien, Polen, Lettland und der Republik Moldau teil. Die Konferenz wurde von dem Referatsleiter Markus Leimbach und dem Referenten Alwin Becker aus dem Mittel-, Südost- und Osteuropa-Referat des KAAD begleitet. Zu Beginn richteten Markus Leimbach sowie der Vizerektor für wissenschaftliche Arbeit der Universität Suceava, Dr. Aurelian Rotaru, Grußworte an die Teilnehmenden.
Die Konferenzvorträge befassten sich mit religiösen, politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Dimensionen des Krieges sowie mit deren Bedeutung für den europäischen Sicherheitsraum.
Den Auftakt bildete der Vortrag der Judaistin Prof. Dr. Iveta Leitane. Ausgehend von ihren Forschungen zur russisch-orthodoxen Kirche im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine stellte sie zehn Thesen dazu vor, wie der Krieg religiöses Denken verändert hat. Dabei ging sie insbesondere auf die Haltung der Russisch-Orthodoxen Kirche unter Patriarch Kirill ein. Diese Entwicklung ordnete sie auch historisch ein und verwies auf das über Generationen gewachsene Verhältnis zwischen Kirche und staatlicher Macht in Russland.
Mit Fragen der politischen Kommunikation setzte sich Prof. Dr. Gheorghe-Ilie Fârte, Kulturwissenschaftler an der Universität von Iași, Rumänien, auseinander. Er untersuchte in seinem Vortrag, wie kommunikative Konstruktionen den europäischen Sicherheitsraum prägen können. Im Mittelpunkt stand dabei das Konzept der Versicherheitlichung (Securitization), das beschreibt, wie politische Akteure Themen als existenzielle Bedrohungen darstellen und dadurch außergewöhnliche Maßnahmen legitimieren. Anhand russischer Propaganda zeigte er auf, wie Bedrohungsszenarien konstruiert und zur Rechtfertigung des Krieges gegen die Ukraine genutzt werden. Abschließend ging er auf Möglichkeiten ein, Desinformation zu begegnen, und verwies dabei auf historische Beispiele staatlicher Informationspolitik.
Der Kulturphilosoph Prof. Dr. Cezary Kościelniak (Poznań) lenkte den Blick auf die Zeit nach den aktuellen Konflikten. Gestützt auf Aussagen der Päpste Johannes Paul II. und Leo XIV. plädierte er für eine engere Zusammenarbeit von säkularer und religiöser Kultur. Ein stabiles Europa könne langfristig nur gelingen, wenn beide Seiten im Dialog bleiben und den gesellschaftlichen Umgang nach dem Krieg aktiv mitgestalten.
Mit der Darstellung des Krieges in der ukrainischen Literatur und ihrer Rezeption im Ausland beschäftigte sich die ukrainische Literaturwissenschaftlerin Natalia Blum-Barth. Sie zeigte, wie der russische Angriffskrieg neue literarische Ausdrucksformen hervorgebracht hat und wie ukrainische Literatur im deutschsprachigen Raum rezipiert wird. Dabei ging sie auch auf die Frage ein, welche Stimmen im internationalen Literaturbetrieb Gehör finden und welche Herausforderungen sich daraus für die Rezeption ukrainischer Literatur ergeben.
Maria Shevchenko, Masterstudentin an der Ukrainischen Freien Universität in München, befasste sich abschließend mit der Zerstörung und dem Erhalt des kulturellen Erbes in der Ukraine. Anhand verschiedener Beispiele stellte sie Initiativen vor, die das kulturelle Erbe dokumentieren und bewahren, darunter virtuelle Datenbanken, in denen Gebäude, Gemälde und andere Kulturgüter digital erfasst werden. Eine wichtige Rolle bei der Pflege und Erfassung des gefährdeten Kulturgutes kommt dabei den Initiativen und dem Engagement der Zivilgesellschaft zu. In ihrem Vortrag wurde auch das Ausmaß der durch den Krieg verursachten Schäden an materiellem und immateriellem Kulturgut deutlich.
Den Abschluss des Tages bildete eine Kleingruppendiskussion im Format World Café mit den anwesenden Referierenden.
Neben der Tagung besuchten die Teilnehmenden die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörenden rumänisch-orthodoxen Klöster Sucevița und Voroneț in der Bukowina sowie die Jurij-Fedkovych Universität in Tschernivtsi im Südwesten der Ukraine. Serhij Lukanjuk, Vorsitzender des ukrainischen Alumni-Vereins und Leiter des International Office der Universität, führte die Gruppe durch das Universitätsgebäude und gewährte Einblicke in die Geschichte der Hochschule.
Die Konferenz bot den Teilnehmenden Gelegenheit zum wissenschaftlichen Austausch und zur persönlichen Begegnung. Sie steht zugleich für die internationale Vernetzung des KAAD, die auch in politisch schwierigen Zeiten Dialog, Austausch und Vertrauensbildung ermöglicht.
KAAD-Alumni-Konferenz in Suceava, Rumänien
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„Architektur des europäischen Sicherheitsraums: Erfahrungen der Ukraine und neue Risiken“







