Vom 6. bis zum 9. Juli 2026 befassten sich zwölf KAAD-Stipendiatinnen und Stipendiaten, zwei AMP-Geförderte und ein Stipendiat des Cusanuswerks in Haus Venusberg in Bonn mit indigenem Wissen, Klimagerechtigkeit und politischen Beteiligungsrechten. Das Seminar wurde von Dr. Anselm Feldmann, Leiter des Referats Asien, geleitet und von Julia Breker, Referentin im Asien-Referat, begleitet. Fachliche Perspektiven aus den Philippinen und Indonesien bildeten die Grundlage für die Arbeit an Fallbeispielen aus Indien, Indonesien und der Demokratischen Republik Kongo.
Den inhaltlichen Auftakt bildete eine gemeinsame Annäherung an die Begriffe „indigenes Wissen“ und „Klimawandel“. In einem Brainstorming trugen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unterschiedliche Vorstellungen von indigenem Wissen und Klimawandel zusammen. Dabei ging es nicht um indigenes Wissen als einen feststehenden und einheitlichen Bestand, sondern um unterschiedliche Erfahrungen, Praktiken und Beziehungen zur jeweiligen natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt. Die anschließenden Fachbeiträge vertieften die Frage, wie wissenschaftliche und indigene Wissensformen miteinander in Beziehung treten können und welche politischen Voraussetzungen dabei zu berücksichtigen sind.
Ausgehend von den Erfahrungen auf den Philippinen setzte sich Dr. Karminn C. D. Daytec Yangot, Dozentin für Anthropologie an der Universität der Philippinen in Baguio, mit dem Verhältnis von Klimagerechtigkeit und indigener Gerechtigkeit auseinander. Die digital zugeschaltete Referentin gehört selbst der indigenen Gemeinschaft der Igorot an. Sie wandte sich sowohl gegen eine Romantisierung indigener Gemeinschaften als auch gegen die Vorstellung eines einheitlichen „indigenen Wissens“. Beide Sichtweisen, so ihre Argumentation, werden der Vielfalt indigener Lebenswelten und den unterschiedlichen politischen und sozialen Bedingungen nicht gerecht. Darüber hinaus sprach sie über das Verhältnis zwischen externen klimapolitischen Maßnahmen und den Rechten der betroffenen Gemeinschaften. Die Verantwortung für den Klimaschutz dürfe nicht auf indigene Bevölkerungsgruppen verlagert werden. Forschung und Klimapolitik müssten vielmehr deren Beteiligung und Entscheidungsbefugnisse berücksichtigen. In diesem Zusammenhang plädierte sie für kollaborative Forschungsformen und dafür, Mittel aus der Klimakompensation unmittelbar den betroffenen Gemeinschaften zugänglich zu machen.
Prof. Dr. Kristina Großmann von der Universität Bonn stellte unter dem Titel „Plurale Nachhaltigkeiten und indigenes Wissen: Einblicke aus Indonesien“ Perspektiven aus ihrer Forschung auf Kalimantan vor. Anhand konkreter Fallstudien beschrieb sie Missverständnisse und Konflikte, die entstehen können, wenn externe Organisationen indigene Gemeinschaften als homogene Gruppen betrachten und unterschiedliche lokale Praktiken im Umgang mit natürlichen Ressourcen nicht ausreichend berücksichtigen. Nachhaltigkeit erschien in diesen Zusammenhängen nicht als einheitliches Konzept, sondern war mit verschiedenen Vorstellungen von Land, Gemeinschaft, Nutzung und Verantwortung verbunden. Daran anknüpfend erläuterte sie Ansätze der Politischen Ontologie. Diese richten den Blick auf unterschiedliche Beziehungen zwischen Menschen, natürlichen Ressourcen und gesellschaftlichen Ordnungen sowie auf die politischen Machtverhältnisse, in die diese Beziehungen eingebunden sind. Lokale Praktiken werden aus dieser Perspektive in ihren jeweiligen sozialen und politischen Zusammenhängen betrachtet.
Im Anschluss übertrugen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die zuvor behandelten Fragen in drei Arbeitsgruppen auf konkrete Fallbeispiele. Ihre Analysen und politischen Handlungsempfehlungen hielten sie in Policy Briefs fest.
Am Beispiel des Biligiri Rangaswamy Temple Tiger Reserve, eines bewaldeten Wildtierschutzgebiets im indischen Bundesstaat Karnataka, untersuchte die erste Gruppe die traditionelle Feuerbewirtschaftung der Soliga. Diese indigene Gemeinschaft lebt in und um das Schutzgebiet und nutzt kontrollierte Brände als Bestandteil ihrer überlieferten Waldbewirtschaftung. Die Gruppe befasste sich mit den negativen Folgen staatlicher Verbote dieser Praxis, zu denen unter anderem die Begünstigung großflächiger Waldbrände durch das Ausbleiben kleinteiliger, kontrollierter Feuer zählt. Ihre Empfehlungen bezogen sich auf deren rechtliche Anerkennung, wissenschaftlich begleitete Modellprojekte sowie gemeinsame Entscheidungsstrukturen zwischen staatlichen Behörden und lokalen Gemeinschaften.
Im Mittelpunkt der zweiten Arbeitsgruppe stand Lusanga, ein von der kolonialen Plantagenwirtschaft geprägter Ort in der Demokratischen Republik Kongo. Da auch Geförderte aus anderen Regionalreferaten am Seminar teilnahmen, wurde damit bewusst ein Beispiel außerhalb Asiens einbezogen. Der Vergleich sollte mögliche Unterschiede zwischen den regionalen Kontexten erfassen. Die Gruppe untersuchte den Zusammenhang von Landenteignung, Plantagenwirtschaft und gegenwärtiger ökologischer Schädigung und bezog dabei sowohl die Rechte lokaler und indigener Gemeinschaften als auch die Wiederherstellung von Böden und Biodiversität ein. Zu den behandelten Ansätzen gehörten gemeinschaftlich organisierte Wiederaufforstung, lokal überlieferte Formen des Mischanbaus und die Arbeit des Cercle d’Art des Travailleurs de Plantation Congolaise (CATPC), einer in Lusanga ansässigen Kunstkooperative kongolesischer Plantagenarbeiterinnen und -arbeiter. Die Kooperative nutzt Einnahmen aus ihrer künstlerischen Arbeit, um ehemaliges Plantagenland zurückzukaufen und ökologisch wiederherzustellen.
Die dritte Gruppe untersuchte am Beispiel des Dorfes Gununglurah im Verwaltungsbezirk Banyumas in der indonesischen Provinz Zentraljava lokale Praktiken zur Prävention von Erdrutschen. Dazu gehörten traditionelle Terrassierung, landwirtschaftliche Kalender, gemeinschaftliche Warnsysteme sowie Bambuspflanzungen und Formen der Waldpflege zur Stabilisierung gefährdeter Hänge. Zugleich thematisierte die Gruppe, dass sich überlieferte Anzeichen für Witterungsverläufe unter veränderten klimatischen Bedingungen nicht immer zuverlässig deuten lassen. Sie empfahl daher, lokale und wissenschaftliche Wissensformen miteinander zu verbinden, gemeinschaftlich getragene Maßnahmen zur Klimaanpassung zu fördern und Vertreterinnen und Vertreter lokaler Gemeinschaften an der Umweltplanung zu beteiligen.
An die Ausarbeitung der drei Policy Briefs schloss sich ihre Vorstellung im Plenum an. Die Papiere dienten dazu, die Ergebnisse der Fallanalysen für politische Adressaten aufzubereiten und in konkrete Handlungsempfehlungen zu übersetzen. In der abschließenden Diskussion ging es außerdem um die Frage, wie die im Seminar erarbeiteten Erkenntnisse über die Veranstaltung hinaus kommuniziert werden können.
Über die fachlichen Arbeitseinheiten hinaus gehörte eine stadtgeschichtliche Führung durch das ehemalige Bonner Regierungsviertel zum Programm, die auch zum UN-Campus führte. Sie nahm die Entwicklung Bonns vom Regierungssitz zum Standort internationaler Institutionen in den Blick. Ein weiterer Besuch galt dem Bonner Münster und seinem Kreuzgang.
Die geistliche Begleitung des Seminars hatte P. Prof. Dr. Thomas Eggensperger OP inne. Morgenmeditationen, die gemeinsame Vorbereitung und Feier des Gottesdienstes sowie weitere geistliche Impulse begleiteten die Seminartage. Die geistlichen Einheiten griffen die Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung und den Umgang mit natürlichen Ressourcen auf.
KAAD-Seminar: Klimagerechtigkeit und indigenes Wissen in Asien
|
Asien, Aktuelles, Seminare
Indigenes Wissen im Umgang mit Klimafolgen sowie die Rechte und politische Beteiligung indigener Gemeinschaften standen im Mittelpunkt des Regionalseminars.








