„Mut. Bildung. Zukunft.“ Globale Perspektiven auf dem Katholikentag in Würzburg

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Mit rund vierzig Stipendiatinnen und Stipendiaten aus mehr als zwanzig Ländern nahm der KAAD vom 13. bis 17. Mai 2025 am 104. Deutschen Katholikentag in Würzburg teil.

Unter dem Leitwort „Hab Mut, steh auf!“ versammelte der Katholikentag zehntausende Menschen zu Gottesdiensten, Diskussionen, Workshops und kulturellen Veranstaltungen. Für die KAAD-Gruppe wurde Würzburg in diesen Tagen zu einem Ort gemeinsamer Reflexion über globale Krisen, gesellschaftliche Verantwortung und die Frage, wie Glaube, Bildung und wissenschaftliche Arbeit miteinander verbunden werden können.

Das begleitende Seminar des KAAD stand unter dem Titel „Bewahrung der Schöpfung: Glaube und Ökologie in Zeiten des Klimawandels“. Ausgangspunkt war die Frage, wie ökologische Herausforderungen, soziale Gerechtigkeit und religiöse Verantwortung zusammengedacht werden können. In Anlehnung an die Enzyklika Laudato si’ von Papst Franziskus wurden ökologische Herausforderungen während des Seminars wiederholt auch im Zusammenhang mit sozialer Gerechtigkeit und globaler Verantwortung diskutiert und mit den Erfahrungen der Stipendiatinnen und Stipendiaten aus ihren jeweiligen Herkunftsländern verbunden.

Für viele der Teilnehmenden gehörte deshalb das Podium „Nützlich, sinnvoll, wirksam? Entwicklungspolitik auf dem Prüfstand“ zu den wichtigen Veranstaltungen des Katholikentags. Moderatorin Daniela Ordowski diskutierte dort mit Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali-Radovan MdB, Dr. Andreas Frick, Hauptgeschäftsführer von Misereor, sowie Prof. Dr. Anna-Katharina Hornidge, Direktorin des German Institute of Development and Sustainability (IDOS), über die Zukunft internationaler Entwicklungszusammenarbeit in Zeiten globaler Krisen und wachsender politischer Spannungen. Im Mittelpunkt standen Fragen langfristiger Verantwortung, nachhaltiger Entwicklungsstrategien und der Bedeutung lokaler Partnerschaften. Wiederholt wurde betont, dass Entwicklungspolitik nicht allein auf kurzfristige Hilfsmaßnahmen reduziert werden könne, sondern langfristige Investitionen in Bildung, Gesundheitsversorgung und gesellschaftliche Infrastruktur voraussetze. Zugleich wurden paternalistische Strukturen innerhalb internationaler Zusammenarbeit kritisch diskutiert. Im Anschluss ergab sich für die KAAD-Gruppe ein persönliches Zusammentreffen mit Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali-Radovan. Für viele der Stipendiatinnen und Stipendiaten, die selbst zu Fragen globaler Entwicklung, sozialer Gerechtigkeit oder nachhaltiger Transformation forschen, wurde dies zu einem besonderen Moment während des Katholikentags.

Eng verbunden mit diesen Fragen war auch die vom KAAD gemeinsam mit medmissio Würzburg und der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) gestaltete Veranstaltung „Globale Gesundheit: eine Frage der Gerechtigkeit? – Warum es mehr Mut, Solidarität, Bildung und Forschung braucht“. Im Mittelpunkt stand die Frage, wer weltweit Zugang zu medizinischer Versorgung erhält und welche strukturellen Ungleichheiten Gesundheitssysteme bis heute prägen. Die KAAD-Alumna Dr. Fabiana Faleiros Castro, Rehabilitationswissenschaftlerin an der Universidade de São Paulo (USP), sprach dabei über ihren eigenen Bildungsweg und über die Bedeutung von Bildung für gesellschaftliche Teilhabe und globale Gesundheit. Sie selbst promovierte mit Unterstützung eines KAAD-Stipendiums an der TU Dortmund und kehrte anschließend nach Brasilien zurück, wo sie heute als Professorin an der USP tätig ist. Dort gründete sie die Forschungsgruppe „Neurorehab“, die unter anderem digitale und mehrsprachige Angebote für Menschen mit Behinderung, Angehörige und Fachkräfte entwickelt. Ihre Biografie wurde im Verlauf der Diskussion zum Ausgangspunkt weiterführender Fragen nach Bildungsgerechtigkeit, gesellschaftlicher Verantwortung und internationaler Zusammenarbeit. An der von Luzius Zöller moderierten Diskussion beteiligten sich außerdem Staatssekretär Dr. Georg Kippels MdB, der Würzburger Tropenmediziner Prof. Dr. August Stich sowie Felicitas Schwermann, Ärztin und Beraterin für Globale Gesundheit. Mehrfach wurde hervorgehoben, wie eng Gesundheit mit Bildung, sozialer Gerechtigkeit, Kommunikation und gesellschaftlicher Stabilität verbunden sei.

Ein weiterer Schwerpunkt des Seminarprogramms galt Fragen religiöser Verständigung und des Zusammenlebens in einer pluralen Gesellschaft. Am Donnerstag moderierte KAAD-Generalsekretärin Dr. Nora Kalbarczyk das Gespräch „Für eine Kultur des Dialogs: Das Dokument von Abu Dhabi. Ein Meilenstein und seine politisch-religiösen Folgen“. Mit Prof. Dr. Mouhanad Khorchide, Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Münster und Direktor des Zentrums für Islamische Theologie Münster, und Prof. Dr. Anja Middelbeck-Varwick, Professorin für Religionstheologie und Religionswissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt am Main sowie Mitglied des ZdK, sprach sie über den christlich-muslimischen Dialog vor dem Hintergrund des Konzilstextes Nostra Aetate. Im Mittelpunkt des Gesprächs standen die Erklärung über die Geschwisterlichkeit aller Menschen, die Papst Franziskus und Großimam Ahmad al-Tayyeb 2019 in Abu Dhabi unterzeichneten, sowie deren Bedeutung für gegenwärtige Formen interreligiöser Verständigung. Zur Sprache kamen dabei unter anderem Fragen nach religiöser Autorität, Religionspluralismus, Religionsfreiheit und der theologischen Tragfähigkeit des Begriffs der „Geschwisterlichkeit aller Menschen“ sowie die Reichweite interreligiöser Verständigungsprozesse innerhalb religiöser Gemeinschaften selbst. Bei allen unterschiedlichen Akzentsetzungen blieb der Gedanke zentral, dass sich interreligiöser Dialog nicht in symbolischen Begegnungen oder diplomatischen Gesten erschöpft. Er bleibt ein anspruchsvoller Prozess, der Selbstkritik, historisches Bewusstsein und die Bereitschaft verlangt, Unterschiede auszuhalten und echten Austausch und Verständigung zu suchen.

Daran knüpfte der Workshop „Unsere Spiritualität und unser Alltag in Deutschland“ an, den der KAAD gemeinsam mit dem Gesprächskreis Christen und Muslime beim ZdK gestaltete. Christliche und muslimische Studierende tauschten sich dort in Kleingruppen über ihren Alltag in Deutschland, über Erfahrungen von Zugehörigkeit und Fremdheit sowie über die Rolle religiöser und moralischer Überzeugungen im täglichen Leben aus. Ausgangspunkt waren dabei Fragen nach konkreten Erfahrungen des Angenommenseins und der Ausgrenzung, nach Orten sozialer Zugehörigkeit sowie nach Spannungen zwischen persönlicher Religiosität und gesellschaftlichem Alltag. Diskutiert wurde unter anderem, welche Bedeutung Spiritualität, Gemeinschaft und religiöse Praxis im Leben internationaler Studierender haben und welche Wünsche und Erwartungen die Teilnehmenden mit ihrem Leben in Deutschland verbinden. 

Auch psychische Gesundheit, Einsamkeit und die Suche nach Gemeinschaft gehörten zu den Themen, die während des Katholikentags immer wieder aufgegriffen wurden. In der Werkstatt „Komm raus aus der Cloud! Einladung zum Gespräch über Einsamkeit und Gemeinsamkeit“, die der KAAD gemeinsam mit Sant’Egidio und dem Bundesverband Katholische Kirche an Hochschulen veranstaltete, kamen junge Erwachsene im Format eines World Cafés miteinander ins Gespräch. Der Austausch kreiste immer wieder um Fragen, die viele junge Erwachsene beschäftigen: Wann fühle ich mich wirklich zugehörig? Was hilft gegen das Gefühl, unsichtbar zu sein? Wie entstehen echte Begegnungen in einer Zeit digitaler Dauervernetzung? Diskutiert wurde über Einsamkeit im Studium, über soziale Medien und Selbstbilder, über Migration, Fremdsein und neue Gemeinschaften, aber auch über Spiritualität, Freundschaft, ehrenamtliches Engagement und Zuhören als Ausdruck von Menschlichkeit und gegenseitiger Aufmerksamkeit.

Begleitet wurden die Tage zudem von gemeinsamen spirituellen Erfahrungen, darunter die Feier des Hochfestes Christi Himmelfahrt auf dem Residenzplatz sowie die interkulturelle Abendmesse „Als Gemeinschaft der Ermutigten ein Hoffnungszeichen sein“, die gemeinsam vom KAAD, dem Cusanuswerk und dem Bundesverband Katholische Kirche an Hochschulen gestaltet wurde. Studierende und junge Erwachsene aus unterschiedlichen Ländern und kulturellen Kontexten wirkten an der Gestaltung der Eucharistiefeier mit. Ebenso nahm die Gruppe am Taizé-Abendgebet „Nacht der Lichter“ im Würzburger Dom sowie am gemeinsamen Schlussgottesdienst des Katholikentags teil. In der Verbindung von Diskussion, Gebet und persönlichem Austausch entstanden neue Formen gegenseitiger Wahrnehmung über kulturelle, sprachliche und religiöse Unterschiede hinweg.

Ein sichtbarer Mittelpunkt der KAAD-Präsenz auf dem Katholikentag war zudem der Stand auf der Kirchenmeile. Unter dem Leitgedanken „Mut. Bildung. Zukunft.“ verband das Standkonzept Alumni-Porträts, interaktive Elemente und persönliche Gespräche zu einem offenen Begegnungsraum. In kurzen Drei-Minuten-Präsentationen stellten die Stipendiatinnen und Stipendiaten direkt am Stand ihre Forschungsprojekte und gesellschaftlichen Initiativen vor und kamen darüber mit Besucherinnen und Besuchern ins Gespräch. Die vorgestellten Projekte reichten von nachhaltigem Ressourcenmanagement und Umweltfragen über Menschenrechte und Lehrerbildung bis hin zu psychischer Gesundheit, gesellschaftlicher Teilhabe und internationaler Entwicklungszusammenarbeit und stehen in engem Zusammenhang mit konkreten gesellschaftlichen Herausforderungen in den jeweiligen Herkunftsländern der Stipendiatinnen und Stipendiaten. So stellte etwa ein Stipendiat aus Bangladesch seine Forschung zu Umweltbelastungen durch die Textilindustrie und zu nachhaltigem Wasser- und Ressourcenmanagement vor. Ausgangspunkt seiner Arbeit waren persönliche Erfahrungen aus Dhaka, wo Wasserknappheit und Umweltverschmutzung den Alltag vieler Menschen prägen. Eine andere Stipendiatin sprach über Bildungsungleichheit und Menschenrechte in Pakistan sowie über ihre Arbeit mit Kindern, denen der Zugang zu Bildung verwehrt bleibt. Das offene Format der Kurzpräsentationen führte auf der Kirchenmeile immer wieder zu unmittelbaren Gesprächen zwischen den Stipendiatinnen und Stipendiaten und den Besucherinnen und Besuchern. Manche interessierten sich zunächst spontan für Herkunftsländer oder Studienfächer, andere fragten gezielt nach den gesellschaftlichen Hintergründen einzelner Forschungsprojekte oder diskutierten weiterführende wissenschaftliche und politische Fragen. So entstanden aus kurzen Begegnungen häufig längere Gespräche über globale Zusammenhänge, persönliche Erfahrungen, internationale Verantwortung und die Rolle von Wissenschaft in gesellschaftlichen Transformationsprozessen.

Für viele der Stipendiatinnen und Stipendiaten wurde der Katholikentag so zu einem Ort, an dem ihre Forschung, ihre Erfahrungen und ihre Perspektiven sichtbar wurden: nicht isoliert voneinander, sondern eingebettet in größere Fragen globaler Verantwortung, kirchlicher Selbstverständigung und gesellschaftlicher Zukunft.

Gruppenfoto vor dem KAAD-Stand Internationale KAAD-Stipendiatinnen und Stipendiaten vor dem KAAD-Stand auf dem Katholikentag 2025 in Würzburg.
Die KAAD-Stipendiatinnen im Zelt des Standes auf dem Katholikentag; alle lächeln als Gruppe in die Kamera
Die Gruppe der KAAD-Geförderten steht im Halbkreis in einem Würzburger Innenhof, in der Mitte Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali Radovan
Blick auf die Bühne, auf der das Podium stattffindet, links Moderator Luzius Zöller, in der Mitte Prof. Faleiros, rechts Prof. Stich, im Hintergrund das Roll-Up des KAAD.
Gruppenbild von Prof. Mouhanad Khorchide, Dr. Nora Kalbarczyk, Prof. Anja Middelbeck-Varwick und Dr. Timo Güzelmansur
Bild von Stipendiaten im Austausch mit muslimischen Studierenden, frontal erkennt man das KAAD-Shirt mit dem Logo des KAAD
Besucherinnen und Besucher im Gespräch mit internationalen Stipendiatinnen und Stipendiaten am KAAD-Stand.
Die Stipendiatinnen und Stipendiaten in einer Kleingruppe im Austausch über Gemeinschaft, Einsamkeit und Zugehörigkeit.
Interkulturelle Eucharistiefeier mit internationalen Studierenden während des Katholikentags, man sieht eine heterogene Gruppe betend um den Altar stehen, teilweise in traditioneller Kleidung aus dem Globalen Süden
Ein KAAD-Stipendiat präsentiert Besuchern sein Forschungsprojekt auf der Kirchenmeile des Katholikentags.
Eine Stipendiatin aus Pakistan präsentiert Besucherinnen ihr Forschungsprojekt auf der Kirchenmeile; sie steht vor dem KAAD-Zelt und hält einen Zettel in ihren Händen
Eine KAAD-Stipendiatin aus Asien im Gespräch mit einer Besucherin des Katholikentags; sie präsentiert ihr Forschungsprojekt und kommt darüber mit der Frau ins Gespräch