Vom 30. Juli bis zum 2. August kamen 83 KAAD-Alumni und Alumnae aus elf lateinamerikanischen Ländern, Sur-Place-Geförderte des Adveniat-KAAD-Stipendienprogramms sowie Gäste aus Kirche und Wissenschaft in Bogotá zusammen, um zu untersuchen, welchen Beitrag Lateinamerika zur globalen KI-Debatte leisten kann und wie sich neue technologische Abhängigkeiten vermeiden lassen.
Die Eröffnung verband den thematischen Schwerpunkt der Akademie mit der Arbeit des internationalen KAAD-Netzwerks. Der Rektor der Päpstlichen Universität Javeriana (Pontificia Universidad Javeriana, PUJ), P. Dr. Luis Fernando Múnera Congote SJ, würdigte die langjährige Zusammenarbeit mit dem KAAD; KAAD-Präsident P. Dr. Hans Langendörfer SJ stellte die gemeinsame Verantwortung der internationalen KAAD-Gemeinschaft in den Mittelpunkt. Msgr. Lizardo Estrada Herrera OSA, Generalsekretär des Lateinamerikanischen Bischofsrates (Consejo Episcopal Latinoamericano, CELAM), unterstrich in einer Videobotschaft an die Teilnehmenden die Bedeutung akademisch qualifizierter Multiplikatorinnen und Multiplikatoren für Kirche und Gesellschaft in Lateinamerika.
Das über Jahrzehnte gewachsenes Netzwerk des KAAD bildete einen wichtigen Bezugspunkt der Akademie. Eine zentrale Rolle darin spielen die acht Partnergremien des KAAD, die das Lateinamerika-Referat als tragende Säulen der Förder- und Netzwerkarbeit vorstellte. Für den KAAD sind die Mitglieder der Partnergremien nicht lediglich Alumnae und Alumni, Repräsentantinnen und Repräsentanten, sondern das „Herz des KAAD“ in den jeweiligen Ländern.
Den thematischen Auftakt der Akademie gestaltete Prof. Dr. Carolina Aguerre von der Katholischen Universität Uruguay. Unter dem Titel „Jenseits von Wissenschaft, Markt und Geopolitik“ befasste sie sich mit den ethischen und epistemologischen Aspekten Künstlicher Intelligenz aus lateinamerikanischer Perspektive. Sie zeigte auf, wie KI globale Ungleichheiten verstärken und Macht zugunsten großer Technologiekonzerne verschieben kann. Werden marginalisierte Gemeinschaften bei der Entwicklung von KI-Systemen ausgeschlossen, bleiben zudem lokale Kontexte, Erfahrungen und Wissensbestände unzureichend berücksichtigt.
Eine übergreifende Frage der Akademie fasste Dr. Mirjam Rossa, Leiterin des Referats Lateinamerika beim KAAD, so zusammen: „Wir wollten mit dieser Akademie nicht nur danach fragen, was Künstliche Intelligenz mit Lateinamerika macht. Entscheidend ist auch die umgekehrte Perspektive: Was kann Lateinamerika mit seinen eigenen Wissensbeständen, gesellschaftlichen Erfahrungen und ethischen Perspektiven in die globale Debatte über KI einbringen?“
Bei einem feierlichen Empfang im Anschluss an die Eröffnung kamen Repräsentantinnen und Repräsentanten internationaler Organisationen, der Kirche und der Wissenschaft zusammen.
Der zweite Akademietag begann mit einem geistlichen Impuls von P. Luis Ferney López. Anschließend führte Prof. Dr. Alexander Caicedo Dorado von der PUJ in Geschichte, Funktionsweisen und gegenwärtige Reichweite Künstlicher Intelligenz ein. Darauf aufbauend untersuchten vier interdisziplinäre Panels die Auswirkungen von KI auf Globale Gesundheit, Integrale Ökologie, Bildung und akademische Netzwerke sowie Ethik und Spiritualität. Dabei rückte zunehmend eine panelübergreifende Frage in den Mittelpunkt: Wie kann Lateinamerika technologische Entwicklungen nicht nur übernehmen und auf ihre Folgen reagieren, sondern sie aus eigenen Erfahrungen, Wissensbeständen und Wertvorstellungen heraus kritisch mitgestalten?
Im Panel zur Globalen Gesundheit diskutierten Dr. Alberto Méndez, Prof. Dr. Guillermo Kerz und Prof. Dr. Fabiana Faleiros unter der Moderation von Dr. Rosa Helena Bustos die Möglichkeiten Künstlicher Intelligenz für Medizin und Gesundheitsversorgung. An konkreten Beispielen zeigten sie das Potenzial von KI für die Auswertung komplexer Daten und effizientere Arbeitsprozesse. Zugleich stellte sich damit die weiterführende Frage, unter welchen gesellschaftlichen Voraussetzungen technologische Innovation tatsächlich einer besseren und gerechteren Gesundheitsversorgung dienen kann.
Wie eng technologische Innovation mit globalen Verteilungsfragen verbunden ist, zeigte das Panel zur Integralen Ökologie. Juan Fernando Larco, Dr. Angelica Muskus und Dr. Katia Cilene Madruga Rodrigues diskutierten Einsatzmöglichkeiten von KI unter anderem in Energieversorgung und Landwirtschaft, zugleich aber auch deren ökologische Kosten. Der enorme Energie- und Wasserverbrauch digitaler Infrastrukturen sowie der Bedarf an seltenen Erden und anderen Mineralien lenkten den Blick auf neue Abhängigkeiten und globale Asymmetrien: Während die technologischen Zentren vielfach andernorts liegen, treffen die ökologischen und sozialen Folgen der Rohstoffgewinnung Länder des Globalen Südens in besonderem Maße.
Das Panel Bildung und akademische Netzwerke, moderiert von Dr. José Luis Luna Bravo, nahm die Gestaltungsmöglichkeiten Lateinamerikas in den Blick. Waira Nina Jacanamijoy Mutumbajoy und Dr. Clément Roux stellten mit „Iakumama 2050“ ein Projekt vor, das digitale Technologien mit indigenen Wissensbeständen verbindet und gemeinsam mit indigenen Gemeinschaften Zukunftsszenarien für das Zusammenleben von Mensch und Natur im kolumbianischen Amazonasgebiet entwickelt. Felipe Mejia-Medina und Dr. Leonor González erweiterten die Diskussion um die Frage, welche Kompetenzen Menschen benötigen, um KI nicht lediglich anzuwenden, sondern ihre Entwicklung kritisch, inklusiv und gesellschaftlich verantwortlich mitzugestalten.
Das vierte Panel widmete sich ethischen und spirituellen Perspektiven. Unter der Moderation von Dr. Carlos Miguel Gómez diskutierten Prof. P. Dr. Peter Lah SJ, P. Robson Caixeta Silva und Dr. Marlene Pinheiro Gonçalves die Grenzen technischer Systeme und die Unverzichtbarkeit menschlicher Verantwortung. Im Zentrum stand die Frage, was den Menschen gegenüber einer scheinbar immer leistungsfähigeren KI auszeichnet: Gewissen, Verantwortungsfähigkeit und die Fähigkeit, Entscheidungen nicht nur nach Effizienz, sondern nach ihrem Sinn und ihren Folgen für andere zu beurteilen. Daraus ergab sich die grundlegende Frage, welche Entscheidungen Menschen an technische Systeme delegieren können und wo Verantwortung unvertretbar beim Menschen bleiben muss.
In der abschließenden Plenarsitzung wurden diese Perspektiven miteinander verschränkt. Über Gesundheit, Ökologie, Bildung und Ethik hinweg traten gemeinsame Fragen nach Macht, Teilhabe, Wissen und Verantwortung hervor. Dabei erschien Lateinamerika nicht allein als eine Region, die von den Folgen einer andernorts entwickelten Technologie betroffen ist, sondern als Akteur mit eigenen wissenschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Erfahrungen, der einen eigenständigen Beitrag zur globalen Debatte über Künstliche Intelligenz leisten kann. Diese Fragen wurden am folgenden Morgen mit Blick auf die Zukunft der thematischen Fachgruppen und des lateinamerikanischen KAAD-Netzwerks weitergeführt.
Am Samstag berieten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in interaktiven Workshops konkrete Perspektiven für die thematischen Fachgruppen als Orte des länderübergreifenden akademischen Austauschs und vereinbarten nächste Schritte, darunter gemeinsame Publikationen und Veranstaltungen sowie neue Formen fach- und länderübergreifender Kooperationen. In der anschließenden Plenumsreflexion „Gemeinsame Horizonte, geteilte Herausforderungen“ ging es deshalb nicht mehr nur um die Frage, was KI mit Lateinamerika macht, sondern auch darum, was Lateinamerika selbst in die globale Debatte über KI einbringen kann: eigene Wissensbestände, Erfahrungen mit gesellschaftlicher Ungleichheit, alternative Vorstellungen von Gemeinschaft und Entwicklung sowie soziale, kulturelle und spirituelle Perspektiven. Kritisch diskutiert wurde zugleich die Gefahr neuer technologischer und ökonomischer Abhängigkeiten. Neben der Analyse gegenwärtiger Transformationsprozesse wurden damit auch konkrete nächste Schritte für die weitere Arbeit des KAAD-Netzwerks festgehalten.
In ihren abschließenden Worten hielt KAAD-Generalsekretärin Dr. Nora Kalbarczyk fest, dass sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit ihrer Auseinandersetzung mit der Entwicklung Künstlicher Intelligenz und ihren Folgen für Mensch und Gesellschaft auf jenen Weg der Reflexion begeben hätten, zu dem Papst Leo XIV. in seiner Enzyklika „Magnifica humanitas“ einlädt. Dabei griff sie eine zentrale Frage der Akademie noch einmal auf: Wie könne verhindert werden, dass Künstliche Intelligenz bestehende Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten verstärke, und wie könne sie in den Dienst einer ganzheitlichen und gerechten menschlichen Entwicklung gestellt werden? Die Suche nach Antworten auf diese Frage bezeichnete sie als ein Kernanliegen des KAAD und seiner Gemeinschaft.
P. Dr. Hans Langendörfer SJ dankte anschließend den vielen Menschen, die von den ersten konzeptionellen Überlegungen über die sorgfältige Vorbereitung bis zur unmittelbaren Umsetzung vor Ort mit „außerordentlichem Engagement“ zum Gelingen der Internationalen Akademie beigetragen hatten.
Über die Vorträge und Diskussionen hinaus bot eine Führung über den Campus den Teilnehmerinnen und Teilnehmern Gelegenheit, die Päpstliche Universität Javeriana als Gastgeberin der Akademie näher kennenzulernen. Ein kulturelles Programm und eine von P. Langendörfer SJ und P. Luis Ferney López zelebrierte Eucharistiefeier in der Wallfahrtskirche Basílica del Señor Caído de Monserrate beschlossen die gemeinsamen Tage in Bogotá.
Die Internationale Akademie war nicht nur ein Ort der fachlichen Auseinandersetzung mit Künstlicher Intelligenz; sondern zeigte auch eine strukturelle Stärke des KAAD: sein über Länder, Disziplinen und Generationen gewachsenes Netzwerk ermöglicht es, globale Zukunftsfragen aus unterschiedlichen regionalen Erfahrungskontexten heraus zu diskutieren und diese Perspektiven in internationale wissenschaftliche und gesellschaftliche Diskurse einzubringen.
Die Päpstliche Universität Javeriana hat die Internationale Akademie ebenfalls in einem eigenen Beitrag aufgegriffen:
[„La Javeriana fortalece su relacionamiento con el KAAD“].













