Multilateralität in Afrika und in Europa – Antworten auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts

|   Afrika, Aktuelles, Seminare

Vom 30. November bis zum 3. Dezember kamen 25 aktuelle und ehemalige Geförderte des KAAD in Straßburg zusammen, um gemeinsam die politischen und institutionellen Dimensionen multilateraler Zusammenarbeit zu behandeln.

Unter der Leitung von Dr. Marko Kuhn und Miriam Rossmerkel sowie in geistlicher Begleitung von P. Prof. Dr. Thomas Eggensperger OP stand die vergleichende Betrachtung eines internationalen Systems im Mittelpunkt, das vor der Herausforderung steht, wirtschaftliche Verflechtungen und politische Spannungen miteinander in Einklang zu bringen. 

Im Fokus der ersten Arbeitseinheiten standen europäische Integrationsprozesse und ihre gegenwärtigen Herausforderungen. Thomas Eggensperger skizzierte die historischen Entwicklungslinien und institutionellen Grundlagen der Europäischen Union und ordnete deren rechtliche Struktur in den größeren Rahmen europäischer Zusammenarbeit ein. Daran anknüpfend beleuchtete Dr. Marko Kuhn unterschiedliche Formen des Euroskeptizismus, ihre Entstehungskontexte und die politischen Spannungsfelder, die sich im Zusammenspiel nationaler Interessen und multilateraler Entscheidungsfindung ergeben.

Im Anschluss an die thematischen Einführungen stand zunächst ein Besuch im Europarat auf dem Programm, bei dem Aufbau, Aufgaben und Arbeitsweise der Organisation erläutert wurden, vor allem ihrer Rolle im Bereich der Menschenrechte, der Rechtsstaatlichkeit und demokratischer Standards. Ein weiterer Termin führte die Gruppe in das Europäische Parlament. Dort erhielten die Teilnehmenden Einblicke in die parlamentarischen Abläufe, von der Vorbereitung politischer Beratungen über die Arbeit in Ausschüssen bis hin zu den Schritten eines Gesetzgebungsverfahrens. 

Nach den Eindrücken aus den europäischen Institutionen verlagerte sich die Arbeit auf afrikanische Perspektiven, die im Zusammenspiel der Beiträge der KAAD-Stipendiaten Gemechu Bekele und Elvis Ng’andwe sowie des KAAD-Alumnus Dr. Christopher Omolo ein vielschichtiges Bild regionaler Zusammenarbeit zeichneten. Ausgangspunkt war Gemechu Bekeles Einführung in die Geschichte und Entwicklung der Afrikanischen Union, in der er die unterschiedlichen Strömungen des frühen Pan-Afrikanismus ebenso aufgriff wie die Gründung der Organisation für Afrikanische Einheit und die späteren Reformen, die zur heutigen AU führten. Er nahm dabei sowohl die institutionellen Strukturen als auch langfristige Orientierungen wie die Agenda 2063 in den Blick, die den Rahmen für politische Integration und wirtschaftliche Entwicklung setzen. An diese historischen und institutionellen Linien knüpfte Elvis Ng’andwe an, indem er die wirtschaftliche Dimension der kontinentalen Zusammenarbeit anhand der Afrikanischen Kontinentalen Freihandelszone (African Continental Free Trade Area, AfCFTA) ausleuchtete. Seine Ausführungen verbanden die Entstehungsgeschichte der AfCFTA mit den bestehenden regionalen Wirtschaftsgemeinschaften, schilderten die Voraussetzungen eines gemeinsamen Marktes und thematisierten zugleich die praktischen Herausforderungen, die sich etwa bei der Festlegung von Ursprungsregeln, der Zollharmonisierung oder der Digitalisierung des Handels ergeben. In einem weiteren Schritt weitete Christopher Omolo den Blick auf die geopolitischen Entwicklungen, die den Handlungsspielraum afrikanischer Staaten prägen. Dabei verband er wirtschaftliche und institutionelle Fragen mit regionalen Dynamiken und internationalen Verschiebungen. 

Einen an der Praxis orientierten Akzent setzte das Seminar in einem Planspiel im Parlamentarium Simone Weil. Die Teilnehmenden arbeiteten mit einem Modell des europäischen Gesetzgebungsverfahrens, das die verschiedenen Schritte von der ersten Konsultation bis zur Entscheidung nachvollziehbar machte. Dazu gehörten Gespräche mit simulierten Interessengruppen, aus denen sich politische Positionen und Prioritäten ableiten ließen, ebenso wie die Bildung von Bündnissen, die für die Durchsetzung eines legislativen Vorschlags erforderlich sind. Ergänzend dazu wurden Verhandlungen mit unterschiedlichen Organisationen durchgespielt, in denen Abstimmungsprozesse und Kompromisslinien sichtbar wurden. Abschließend wurde die Kommunikation mit Medien simuliert, die im europäischen Gesetzgebungsverfahren eine eigene Rolle im Vermitteln, Kommentieren und Einordnen politischer Entscheidungen einnimmt. Das Planspiel folgte damit den zentralen Stationen des EU-Gesetzgebungsprozesses, wie sie im Parlamentarium angeboten werden, und ermöglichte eine anschauliche Arbeit an den institutionellen Abläufen multilateraler Politik.

Ergänzend zu den fachlichen Einheiten boten mehrere Programmpunkte Raum für Begegnung und persönlichen Austausch. Höhepunkt war dabei ein gemeinsamer Gottesdienst in der Kapelle des Centre Culturel Saint-Thomas, der von P. Thomas zelebriert wurde. Der Besuch der Straßburger Weihnachtsmärkte sowie eine historische Stadtführung erläuterte die wechselvolle Geschichte Straßburgs und ihr heutiges Erscheinungsbild. 

In den abschließenden Gesprächen rückte noch einmal die Frage in den Mittelpunkt, wie sich europäische und afrikanische Verfahren multilateraler Politik zueinander verhalten und welche Bedeutung institutionelle Ordnung, wirtschaftliche Rahmenbedingungen und geopolitische Entwicklungen für regionale Kooperation besitzen. Vor allem die Hinwendung zu einer „neuen Weltordnung“, die die geopolitisch-traditionellen Muster aufbricht (Ost-West, Nord-Süd), spielt hier massiv hinein. Mit Äthiopien, Ägypten und Südafrika sind schon drei Länder Teil der BRICS-Allianz (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika), die die geopolitische Dominanz des Westens brechen und auch in Afrika ihren Einfluss geltend machen möchte. Mali, Burkina Faso und Niger haben sich nach Militärputschen vom Westen abgewandt, sind aus der westafrikanischen Staatengemeinschaft ECOWAS (Economic Community of West African States) und der Frankophonie ausgetreten, kritisieren westliche Institutionen als neokolonial und stärken stattdessen die militärische und wirtschaftliche Kooperation mit Russland, China und der Türkei, um sich von französischem und allgemeinem westlichem Einfluss zu lösen. Diese Entwicklungen spiegelten sich stark in den Diskussionen beim Seminar, weil sie die bestehenden multilateralen Ordnungen in Afrika infrage stellen oder diesen zuwiderlaufen. Die multilateralen Bündnisse, regionale Wirtschaftsverbünde wie ECOWAS, aber auch die Afrikanische Union als Ganze, werden bisher massiv durch Initiativen der Entwicklungszusammenarbeit mit der EU und europäischen Staaten gefördert. 

Die thematischen Zugänge der vergangenen Tage eröffneten verschiedene Perspektiven auf politische Voraussetzungen und Entscheidungswege, die multilaterale Zusammenarbeit in Europa und Afrika prägen, und zeigten zugleich die Unterschiede dieser Prozesse sowie jene Punkte auf, an denen vergleichbare Anforderungen bestehen. 

Zurück
Gruppenfoto auf Galerieebene im Europäischen Parlament
Die Seminargruppe steht und sitzt vor dem großen blauen Schild „Council of Europe“ auf einer Wiese in Straßburg; im Hintergrund Gebäude und winterliche Bäume bei Sonnenuntergang.
Die Seminargruppe steht auf den Stufen vor den vielen Flaggen der Mitgliedstaaten des Europarats bei sonnigem Wetter.
Die Gruppe sitzt in einem modern gestalteten Seminarraum des Parlamentariums und folgt einer Präsentation; viele haben Tablets für das Planspiel in der Hand.
Die Teilnehmenden stehen vor den Flaggen der EU-Mitgliedstaaten im Eingangsbereich des Europäischen Parlaments in Straßburg unter der großen Europaflagge.
Ein Referent spricht vor der Seminargruppe über die Afrikanische Kontinentale Freihandelszone (AfCFTA); im Hintergrund die Titelfolie seiner Präsentation.
Mehrere Teilnehmende sitzen im Stuhlkreis und diskutieren; eine Person spricht gestikulierend in die Runde.
Die Gruppe sitzt auf den Zuschauerplätzen des Plenarsaals, während eine Mitarbeiterin des Europarats den Aufbau und die Arbeitsweise der Institution erklärt.