Im osttansanischen Mwanza am Viktoriasee fand vom 24. bis 27. Juli 2025 das diesjährige Seminar der KAAD Association of Scholars from East Africa (KASEA) statt. Veranstaltungsort war die unmittelbare Nachbarschaft dreier bedeutender Institutionen – der Saint Augustine University of Tanzania (SAUT), des Bugando Medical Centre und der Catholic University of Health and Allied Sciences (CUHAS) – an denen mehrere ehemalige KAAD-Stipendiatinnen und -Stipendiaten als Lehrende tätig sind. Dr. Marko Kuhn, Afrika-Referatsleiter des KAAD, nutzte die Gelegenheit, die Einrichtungen vor Seminarbeginn zu besuchen und sich mit den Alumnae und Alumni vor Ort über ihren akademischen Alltag, strukturelle Rahmenbedingungen und fachliche Perspektiven auszutauschen.
Die thematische Klammer des Seminars – „Social and Economic Corridors in the East African Community (EAC)“ – rückte soziale und wirtschaftliche Verflechtungen in Ostafrika in den Mittelpunkt. Der Blick galt dabei nicht nur dem Handel und den wirtschaftlichen Infrastrukturen, sondern auch der Bewegung von Personen, dem Zugang zu Ressourcen und den politischen Rahmenbedingungen. In seiner Begrüßung erinnerte Marko Kuhn daran, dass wirtschaftliche Fragen seit jeher zu den zentralen Themen kirchlicher Sozialethik gehören: Arbeitsmöglichkeiten, Einkommenssicherheit, staatliche Einnahmen und Verteilungsgerechtigkeit seien Grundvoraussetzungen für das Gemeinwohl. Handel müsse – so lehrt es die katholische Soziallehre – dem Kriterium der Gerechtigkeit und der Bewahrung der Schöpfung unterliegen. Wirtschaftliche Rahmenbedingungen sind kein abstraktes Thema, sondern berühren unmittelbar die Lebenswirklichkeit vieler Menschen und damit auch die Verantwortung kirchlich geprägter Netzwerke wie KASEA.
Die inhaltliche Arbeit des Seminars setzte genau an diesen Fragen an: Was bedeutet wirtschaftliche Integration im ostafrikanischen Raum konkret, und wo stoßen politische Vereinbarungen in der Umsetzung an ihre Grenzen? Mit Blick auf die Ostafrikanische Gemeinschaft (EAC) rückten Themen wie Personenfreizügigkeit, Zugang zu Grundstückseigentum und die gegenseitige Anerkennung von Ausweisdokumenten in den Fokus. Auch die 2021 gegründete afrikanische Freihandelszone AfCFTA wurde aufgegriffen – als ambitionierte Vision einer einheitlichen Wirtschaftszone, deren praktische Umsetzung vielerorts durch strukturelle und politische Hürden gebremst wird.
Das Seminar bot Raum, diese Herausforderungen aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven zu beleuchten und kritisch zu diskutieren – getragen von einem breiten Spektrum an Beiträgen ehemaliger Geförderter. Dr. Anne Grace Gongwe, Ökonomin an der SAUT in Mwanza, hob die bisherigen Integrationsschritte innerhalb der EAC hervor und betonte die Bedeutung eines funktionierenden Binnenmarkts und der studentischen Mobilität. KAAD-Alumnus Prof. Dr. Odas Bilame (University of Dodoma) lenkte den Blick auf nichttarifäre Handelshemmnisse, etwa langwierige Grenzformalitäten, polizeiliche Kontrollen und unterschiedliche Sicherheitsstandards, die den regionalen Austausch behindern. KAAD-Alumna Dr. Fortunata Msoffe, Senior Wildlife Conservationist bei der tansanischen Nationalparkbehörde (TANAPA), erinnerte an das gemeinsame ökologische Erbe Ostafrikas: Vom Viktoriasee über die Serengeti bis zur Küste des Indischen Ozeans seien die Lebensräume grenzübergreifend verbunden und nur gemeinsam zu bewahren – ein Auftrag an regionale Kooperation und Bewusstseinsbildung. Dr. Christopher Otieno Omolo, KAAD-Alumnus und Consultant bei der United Nations Economic Commission for Africa (UNECA) in Addis Abeba, sprach über die Schwierigkeiten bei der Umsetzung des Protokolls zur Arbeitskräftemobilität im Rahmen der AfCFTA und beschrieb die politische Überzeugungsarbeit, die es auf nationaler Ebene dafür brauche.
Zwei Exkursionen ergänzten das Programm: Eine erste führte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Bujora Cultural Centre, auch bekannt als Sukuma Museum, das 1968 von einem katholischen Missionar gegründet wurde und die kulturellen Traditionen der Sukuma in Beziehung zum christlichen Glauben bringt. Das Zentrum, das bis heute unter der Aufsicht der Erzdiözese Mwanza steht, bietet Bildungsarbeit, lebendige Kulturvermittlung und einen Raum für interkulturellen Dialog. Eine zweite Exkursion führte auf die nahegelegene Saanane-Insel im Viktoriasee. Der dortige Nationalpark – der kleinste Tansanias – beeindruckte mit seiner Artenvielfalt und ermöglichte Gespräche über den Zusammenhang von Biodiversität, nachhaltiger Entwicklung und Tourismus.
In Diskussionen, Gruppenarbeiten und persönlichen Begegnungen wurde deutlich: Die Vision regionaler Integration stößt nach wie vor mental, rechtlich und administrativ an nationale Grenzen. Just während des Seminars sorgte eine neue Regelung der tansanischen Regierung für Aufmerksamkeit, die es Nicht-Staatsbürgern untersagt, in bestimmten Sektoren des Kleinunternehmertums tätig zu sein. Dies ist ein klarer Bruch mit den Prinzipien der EAC. In rechtlicher Hinsicht erläuterte Dr. Jebby Gonza, Völkerrechtlerin an der University of Dodoma, die Komplexität der Umsetzung internationaler Verträge in nationales Recht, ein Prozess, der nicht selten durch politisches Zögern oder fehlende Gesetzgebung blockiert werde.
Der Tenor des Seminars war, dass es trotz vieler guter Ideen in lokalen Freihandelszonen (wie der Ostafrikanischen Gemeinschaft) und in der afrikaweiten Zone AfCFTA doch an zahlreichen Stellen an der Umsetzung scheitert. Nationale Grenzen, obwohl oft willkürlich durch Kolonialmächte gezogen, spielen in den Köpfen eine wichtigere Rolle, als sich viele Menschen in Afrika oft eingestehen wollen. Dazu kommt staatlichen Behördenwillkür und Bürokratismus, was zu den vielen noch zu überwindenden „Non-tariff barriers to trade“ zählt, vor allem auch in Bezug auf Personenfreizügigkeit geht. Da dieses Seminar jedes Jahr von Geförderten aus drei Staaten besucht wird, sind auch immer direkt davor nationale Grenzen zu überwinden und die Teilnehmenden erleben hautnah, was es heißt, wenn Grenzübertritte kompliziert und langwierig sind. Zwar haben international geschlossene Verträge zwischen Staaten völkerrechtlichen Status und stehen somit immer über nationalen Rechtsvorschriften. Allerdings sind sie auch davon abhängig, auf nationaler Ebene so umgesetzt zu werden, dass sie in nationales Recht übergehen. An dieser Stelle gibt es viele gewollte und ungewollte Verzögerungen und Komplikationen. Die intensiven Diskussionen beim Seminar führten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zur Überzeugung, dass alle in ihren eigenen Einflusszirkeln darauf hinwirken wollen, den Geist der multilateralen Vereinbarungen auch wirklich umzusetzen, damit alle von den Vorteilen der Freizügigkeit und von der Wohlstandsmehrung durch vermehrten Handel profitieren können.
Mit einem von den beiden KAAD-Alumni Fr. Dr. James Musana (Uganda) und Fr. Ben Opiyo (Kenia) gestalteten Gottesdienst sowie der Vorstellung des neuen KASEA-Newsletters fand das Seminar einen geistlich wie gemeinschaftlich dichten Abschluss. Es war zugleich der Endpunkt der mehrwöchigen Dienstreise von Marko Kuhn, die mit einem Besuch des westafrikanischen Netzwerks in Accra begonnen hatte. Mit Gesprächen in Mwanza und Nairobi, bei denen auch das kenianische KAAD-Partnergremium einbezogen wurde, endete eine Reise, die einmal mehr die verbindende Kraft von Bildung, Dialog und gegenseitigem Engagement unterstrichen hat.









